Bernheim genießt man daheim am allerbesten
Neue CDs geben Antwort auf manche Fragen, die sich derzeit viele Besucher der Salzburger Festspiele stellen.
Zwei CD-Alben, die demnächst erscheinen, könnten für Zaungäste der Salzburger Festspiele erhellende Wirkung haben. Nachdem sich im philharmonischen Konzert Riccardo Muti erstmals über Anton Bruckners monumentale Achte Symphonie gewagt hat, kommt ein Remake aus dem philharmonischen Archiv gerade recht: die neun Bruckner-Symphonien, dirigiert von neun verschiedenen Dirigenten des Orchesters. Das gab es schon im Brucknerjahr 1974. Damals hat man aus der Not eine Tugend gemacht, denn es gab keine Gesamtaufnahme durch das Orchester unter einem Dirigenten.
Erst jüngst hat Christian Thielemann dieses Versäumnis gutgemacht. DG erinnert nun an die erste philharmonische Bruckner-Box, hat einige der damaligen Aufnahmen aber mit jüngeren Einzelaufnahmen gemischt. Zusammengenommen dokumentiert das eine bemerkenswerte Bandbreite von Interpretationen, darunter Singuläres wie die dramatische Zweite unter Muti, die „klassische“ Vierte unter Böhm und Karajans allerletztes Konzert (Nr. 7).
MAAZEL UND BOULEZ
Spannend: Die Fünfte, die 1973 als Erstversuch unter Lorin Maazel auf wenig Gegenliebe stieß, steht heute als kühne Vorbotin eines „modernen“ Bruckner-Stils stolz an der Seite der ungewohnt schlanken Achten unter Pierre Boulez (1996). Gerade nach Mutis wuchtiger, wieder höchst romantisch tönender Festspiel-Achter lauscht man den historischen Interpretationen umso neugieriger.
BERNHEIMS CHANSONS
Und nach der Festspielpremiere von Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ kommt auch die neue CD von Benjamin Bernheim (ebenfalls DG) wie gerufen. Die Vorstellung hat man ja eher deprimiert verlassen; nicht nur wegen der notorischen Inszenierungsmalaise, sondern wegen der fragwürdigen musikalischen Qualität, die auch den Auftritt des exzellenten Tenors in Mitleidenschaft gezogen hat.
VON BERLIOZ BIS JACQUES BREL
Ganz abgesehen davon, ob das Große Salzburger Haus nicht doch der falsche Ort für eine solch vergleichsweise zart besaitete Stimme sein mag: Wie sensibel und detailverliebt dieser Sänger zu phrasieren versteht, wie er über melodische Biegungen Wort für Wort, Silbe für Silbe einen Text transportiert, das genießt sich daheim am allerbesten.
Bernheim spürt hier im Verein mit der ebenfalls beeindruckend samtpfötigen Pianistin Carrie-Ann Matheson unter dem Titel „Douce France“ dem typischen Chanson-Ton nach, von Berlioz („Nuits d’été“) und Chausson („Poème de l’amour et de la mer“) bis zu Schlagern von Charles Trenet und Jacques Brel. Es genügt, die erste Berlioz-Nummer zu hören, um zu ahnen, was einen auf der CD an fein schattierter Verwandlung sprachlicher Nuancen in Melodik erwartet. Dergleichen dürfte wahrhaft als festspielreif gelten.
Benjamin Bernheims CD „Douce France“ kommt demnächst in den Handel.

