Bekäme jemand nur den Schluß zu sehen (und zu hören), er könnte glauben, da habe sich eine musiktheatralische Sternstunde im Großen Festspielhaus ereignet: Asmik Grigorian - trotz Todesahnung kalt bis ins Herz - und Jonathan Tetelman- am Rande des Irrsinns - geben Carmen und Don José wie exzellente Filmschauspieler, die auch noch hoch expressiv singen können. Nur: Wer das erleben wollte, mußte mehr als drei Stunden lang durch ein jämmerliches szenisches Spektakel, in dem eine Ballett-Compagnie noch in den intimsten Szenen fortwährend um die Sänger herumhüpfte, während sich Dirigent Teodor Currentzis am Pult seines Utopia-Orchesters um alle Details von Georges Bizets kümmerte, worüber er das große Ganze vollständig aus den Augen verlor.
Als Klavierpartner von Matthias Goerne kehrte der Ex-Intendant zu den Salzburger Festspielen zurück. Das Publikum, darunter Asmik Grigorian, Teodor Currentzis und die einstige Festspiel-Präsidentin Helga Rabl-Stadler, bejubelte die Interpretation von Schuberts »Winterreise« und bereitete dem einstigen Festspielmanager schon zum Auftritt Ovationen. Dieser Tage erschien auch die neue CD des Duos bei der Deutschen Grammophon: Das Album »Zwielicht« gilt einem Schumann-Recital, das auch selten aufgeführte Lieder aus dem Spätwerk enthält.
GUTE NEUE INSZENIERUNGEN KANN MAN "EINKAUFEN" +++ LONDON ZEIGT PELLYS "REGIMENTSTOCHTER +++ GEGEN STÜCKEZERTRÜMMERUNGEN +++ FÜR EIN VIELFÄLTIGES REPERTOIRE
APERÇU
London zeigt Laurent Pellys Donizetti-Erfolg La fille du regiment - und Juan Diego Florez triumphiert wieder einmal. In Wien und New York kennt man das, zieht aber keine weiteren Schluß...
Festspiele, das war einmal ein Zauberwort für das Besondere, das Außergewöhnliche. Davon gibt es nur noch wenig. Und seither leben alle, die Festivals veranstalten, im Erklärungsnotstand. Münchens Operndirektion bekommt das gerade zu spüren.
Podcast-Reihe zu Richard Wagners Tetralogie: Schnitt- und Wendepunkte eines Menschheitsdramas. – Eine Handreichung für Wagnerverehrer, Wagnerverächter und Neugierige, die noch nicht wissen, auf wessen Seite sie sich schlagen sollen…
Kann eine Vorstellung mit Asmik Grigorian schiefgehen? Nein. Aber sie kann viele Fragen bezüglich des Zustands der Wiener Staatsoper aufwerfen...
Pikhasovich/Griogrian (Foto: Pöhn)
Was soll schiefgehen, fragt man sich, wenn man den Besetzungszettel studiert: Die Staatsoper präsentiert Tschaikowskys „Eugen Onegin“ mit Boris Pinkhasovich in der Titelpartie, Asmik Grigorian als Tatjana und Bogdan Volkov als Lenski. Alle drei bieten die guten, teils sogar außergewöhnlichen Leistungen, die man von ihnen erwartet. Doch wirklich künstlerisch entfalten können sie ihre Talente nicht, weil man ihnen weder szenisch noch musikalisch den nötigen Halt gibt. Man leidet an diesem Abend kaum mit Puschkins Unglücksfiguren, eher hadert man mit dem Schicksal, das dem Repertoirebetrieb im Haus am Ring offenbar beschieden ist.
Die Salzburger Festspiele werden von der Kulturpolitik in eine tiefe Krise gestürzt. Und das ohne künstlerischen oder finanziellen Anlaß. Oder hat man schon einmal ein Musterschüler wegen einer Betragensnote durchfallen lassen?
Salzburg hat jetzt einen künstlerisch und finanziell erfolgreichen Intendanten vor die Tür gesetzt, weil er sich angeblich nicht „brav“ benommen hat.
Emily d'Angelo als Sextus (Foto: Staatsioer/Marcella Ruiz-Cruz)
NACHHÖREN IN Ö1
Mittlerweile lautet das Motto bei Premieren der Wiener Staatsoper nur noch: Wird es nur etwas schlimmer als bei der alten Produktion oder wird auch dieses Werk für die kommende Generation vollständig ruiniert. Im Fall von Mozarts Clemenza di Tito darf man Entwarnung ...
Der prominente Zeitgeschichtler, immer für kontroverse Analysen gut, hat die Dokumente über des Dirigenten Beziehung zum NS-System neu gesichtet und ausführlich kommentiert.
Das Buch wird insofern Staub aufwirbeln, als der prominente Autor sich kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es darum geht, wie schlampig viele seiner Historiker-Kollegen bis dato argumentiert haben, wenn es darum ging, zu untermauern, was „ohnehin alle wissen“: Der große Dirigenten, Wiener Staatsopern- und Salzburger Festspiel-Chef Herbert von Karajan (1908-1989) hegte starke Sympathien für das Hitler-Regime oder war gar „ein glühender Nazi“.