Juilliard String Quartet

Ein Quartett im Rang eines Säulenheiligen – für die Conaisseurs der Kammermusikfreunde war dieses Ensemble das perfekte Äquivalent zum Dirigenten-Komponisten Leonard Bernstein und dem Pianisten Van Cliburn, der es schaffte, mitten im Kalten Krieg als Amerikaner den Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb zu gewinnen.

In der demgegenüber kleinen Welt der Kammermusik schrieb das Juilliard Quartet, gegründet wie die gleichnamige Universität im ersten Nachkriegsjahr, 1946, Geschichte. Seit dem Erscheinen der Gesamtaufnahme der sechs Streichquartette von Béla Bartók im Jahr 1950 – auf dem neuen Medium der Langspielplatte eine Pioniertat!

Mit dem Erscheinen dieser drei Langspielplatten wußte man in aller Welt: Die USA hatte ein Ensemble höchster Klasse für das heikelste Genre der sogenannten »Klassischen Musik«, gewachsen – auch das von Belang! – auf dem Humus jener exilierten Musiker, die von den diktatorischen Regimen in Deutschland und Rußland in die Emigration getrieben worden waren!

DER AUFNAHME-KLASSIKER

  1. Bartók Streichquartette (Juilliard Quartet) Nr. 1 I.
  2. II.
  3. III.
  4. Quartett Nr. 2
  5. 2
  6. 3
  7. Quartett Nr. 3 Introduzione
  8. Prima parte
  9. Ricapitulazione della prima parte
  10. Coda
  11. Quartett Nr. 4 I.
  12. Quartett Nr. 5 I
  13. Quartett Nr. 6
  14. III. Burletta.
  15. IV. Mesto

Das Label Pristine brachte Jahrzehnte später liebevolle Digitalisierungen der Mitschnitte jener Live-Sitzungen heraus, die 1949 in den Columbia-Studios in New York aufgenommen wurden. Der Komponist William Schuman, Juilliard-Präsident, hatte angeregt, vier der Professoren der Universität, Robert Mann und Robert Koff (Violine) Raphael Hillyer (Bratsche) und Arthur Winograd (Cello) zu einem Ensemble zusammenzuschließen. Der Dirigent Serge Koussevitzky erklärte sich bereit, 1947 den ersten öffentlichen Auftritt des Quartetts beim Tanglewood Festival zu ermöglichen. Im folgenden Sommer kehrten die »Juilliards« wieder, um – wohl erstmals in der Geschichte – alle sechs Bartók-Quartette aufzuführen: In Privatkonzerten vor Studenten der Universität.

Bei dieser Gelegenheiten entstanden die Pionier-Aufnahmen, denen 1960 dasselbe Ensemble, allerdings nur noch mit Mann und Hillyer, in den beiden anderen Stimmen neu besetzt, den Zyklus in Stereo noch einmal eine Gesamtaufnahme folgen ließ – eine Schallplattenkasssette, die bis heute zu den Ikonen unter den Aufnahmen von Schlüsselwerken der sogenannten »Neuen Musik« gehört.

Das Juilliard Quartet entfaltete in der Folge eine reiche Aufnahme-Tätigkeit und konzertierte in aller Welt.

Aus den unzähligen Tondokumenten sein ein Livemitschnitt von den Salzburger Festspielen des Jahres 1965 (ind er Besetzung: Robertr Mann – Isidore Cohen – Raphael Hillyer – Claus Adam) herausgegriffen, der die Vorzüge des Ensembles idealtypisch festhält: Die Klangkultur ist auf vollkommene farbliche Harmonie abgestellt, aus der durch artikulatorische und koloristische Differenzierung Einzelstimmen plastisch hervortreten, um strukturelle Prozesse der Musik hörbar zu machen. Die Wiedergabe von Mozarts »Hoffmeister«-Quartett ist von fabelhaftem Zuschnitt: dicht gewoben, dynamischh flexibel und durch kaum merkliche Tempodifferenzierungen formal gegliedert. Bartóks kühnes, in einem großen Bogen gearbeitetes Drittes Streichquartett erklingt in einer atemberaubend dramatischen, zwischen ahnungsvoll-sinistren Klangbildern und ungemein energetischen Ausbrüchen vermittelnden Wiedergabe. Und das selten gespielte C-Dur-Quartett Antonin Dvoraks schwingt sich gleich in den ersten Takten vom lyrischen, romantisch schwelgerischen zum hymnischer Begeistertung auf – die Gegensätze balanciert das Ensemble meisterlich aus, durchwegs klar disponierend, aber schwungvoll und animiert.

Das ist Kammermusik auch für Musikfreunde, die Kammermusik noch nicht wirklich lieben gelernt haben …

Robert Mann, Primgeiger seit der Gründung des Ensembles, zog sich als letzter der Ur-Besetzung 1997 zurück. Heute (2023) musiziert das Juilliard Quartet in der Besetzung: Areta Zhulla – Ronald Copes – Molly Carr – Astrid Schween. Keines der Mitglieder hat mit einem der Gründungs-Solisten musiziert.