Inaugurazione

Netrebko eröffnete Scala-Saison

Verdis „Macbeth“ stand heuer bei der Gala-Premiere am 7. Dezember auf dem Programm. Wie zuletzt in Wien stand der mörderischen „Lady“ Luca Salsi zur Seite. Ein Vokal-Triumph.

An der Inszenierung Davide Livermores schieden sich die Geister. Die Handlung zwischen Cocktailpartys in einem modernen Hochhaus-Ambiente anzusiedeln, evozierte sinnlos-dümmliche Assoziationen, aber auch starke Bilder, wie die nachtwandelnde Lady Macbeth, die vom Dach zu stürzen drohte. In Mailand zählt ja am Ende doch nur, wie gesungen wurde. Und Scala-Chef Dominique Meyer versammelte für seine erste Saisoneröffnungspremiere rund um das schon in Wien brillierende mörderische Politikerpärchen Anna Netrebko und Luca Salsi eine erlesene Sängerbesetzung ohne jeden Schwachpunkt.

Nicht einmal Kammerzofe und Arzt störten die Wahnsinnsszene der Diva vokal. Und die problematische Tatsache, dass in der letzten halben Stunde des Dramas plötzlich zwei Tenöre das Sagen haben – was in aller Regel nicht auf adäquatem Niveau funktioniert -, ließ Kenner diesmal staunen.

Junger Tenor zu entdecken

Nicht nur, dass Francesco Meli die Arie des Macduff, die das Publikum meist apathisch über sich ergehen lässt, zu einem fein phrasierten Höhepunkt der Aufführung gestaltete, mit dem 28-jährigen Peruaner Ivan Ayon Rivas gesellte sich ihm ein gleichwertiger Malcolm zur Seite, womit das Finale der Oper endlich einmal Gewicht hatte und nicht zum notwendigen Anhängsel verkam.

Die notorisch kritischen „Loggionisti“, die den Applaus des am Tag des Heiligen Ambrosius ebenso notorisch unbeteiligten Gala-Publikums der Scala gern aufmischen, wussten das zu würdigen. Sie bejubelten auch Ildar Abdrazakov, der dem Banco seinen imposanten Bass lieh und sich in die lange Liste der gewaltigen Stimmen reihte, die das Opfer der mörderischen Umtriebe wie einen dämonischen Finsterling charakterisieren. Das hat Tradition, es entspricht nicht ganz dem, was Shakespeare und Verdi hier gemeint haben dürften, aber es wirkt.

Dass „Macbeth“ auf halbem Wege zwischen dem reifen Verdi und seinen Anfängen als Erbe der großen Belcanto-Meister steht, war an diesem Abend eher bei Luca Salsi zu hören, der seine beeindruckend differenzierte Gestaltung des Titelhelden immer weiter verfeinert und ihn sensibel auf der emotionalen Werteskala zwischen Größenwahn, Todesangst und Getriebenheit zeichnet. Dass er seiner Lady hörig ist, kann dieser Macbeth auch im seltsamen Ambiente der neuen Mailänder Inszenierung glaubwürdig ausspielen. Und diese Lady hat es natürlich in sich. Zwar erhoben einige der Loggionisti nach Anna Netrebkos Auftrittsarie Einspruch, doch abgesehen von ein paar schon recht stark vibrierenden Tönen und nicht mehr ganz so agilen Ziernoten im „Trinklied“ während der Bankettszene entlockte die Diva ihrem Sopran an diesem Abend Ausdrucksmöglichkeiten in einer Vielfalt, wie sie heutzutage wahrlich keiner Mitbewerberin zu Gebote stehen.

„La luce langue“ wurde zum beängstigenden Protokoll eines Machtrauschs, der sich aus fahlen, nächtlichen Visionen in einen geradezu euphorischen Zustand hochputscht; und die Wahnsinnsszene zum Moment der Transzendenz, in dem die Todgeweihte schon wieder einfach schön zu singen beginnt: Der Kreis ist ausgeschritten, die Schuld verweht in Schönheit. So lethargisch kann Riccardo Chailly nicht dirigieren, dass derartige stimmliche Gestaltungskunst ihre Wirkung verfehlen würde.