Schön Singen, davon konnte diesmal gar nicht die Rede sein: Die »Winterreise«, radikale Seelenbespiegelungen durch Matthias Goerne und Daniil Trifonov. Das ging unter die Haut.
Julia Wesely / Musikverein Wien
»Schauerliche Lieder“ nannte Franz Schubert die ersten Stücke seiner »Winterreise«, als er sie zum ersten Mal im privaten Kreis vortrug. Matthias Goerne und Daniil Trifonov schafften es im Großen Musikvereinssaal, 200 Jahre später nachvollziehbar zu machen, welchen Schock diese Musik bei Hörern im Wiener Biedermeier ausgelöst haben musste. Vielleicht war es sogar ganz gut, dass im Publikum jemand saß, der offenbar gar nicht wusste, was ihn da erwartete und gleich nach dem ersten Lied kräftig applaudierte. Er wurde niedergezischt von all jenen,
An diesem Abend entpuppte sich zuletzt, daß zu früher Applaus manchmal gerade rechtzeitig kommt…
die wissen, was sich heutzutage in einem Konzertsaal angeblich gehört.
Das Beifallklatschen wäre aber spätestens nach zwei oder drei Nummern auch dem wohlmeinendsten Zufallsgast, der einfach schöne Schubert-Melodien hören wollte, vergangen. Weil da wenig war, was man als schöne Melodie erkennen hätte können – und wenn, dann ganz offenkundig in einem Zusammenhang, in dem sie nichts Gutes zu bedeuten hatte. Oder jedenfalls bestenfalls eine schöne, unwiederbringliche Erinnerung.
Atemlose Stille, dann tosende Begeisterung über ein Sternstunde der Gesangskunst im Mozartsaal des Wiener Konzerthauses.
Eine der edelsten Stimmen unserer Zeit, makellose Gesangskunst, ein dramaturgisch kluges Programm, mitgestaltet von einem kongenialen Klavier-Partner – Sabine Devieilhe und Mathieu Pordoy erinnerten bei ihrem Auftritt im Mozartsaal daran, zu welchen Höhenflügen sich der Liedgesang erheben kann, wenn sich die Lust am puren Schönklang mit intellektueller Interpretationskultur verschwistert.
Zwei Komponisten seiner Heimat hat der polnische Tenor Piotr Beczala in einem Liedprogramm im Jahr 2018 vorgestellt. Der eine, Stanislaw Moniuszko, ist Kennern zumindest als Schöpfer der polnischen Nationaloper »Halka« ein Begriff, der andere, Mieczyslaw Karlowicz, dürfte hingegen auch engagierten Besuchern von Liederabenden kein Begriff sein. Seine knappen, oft nur etwas mehr als eine Minuten dauernden Gesangs-Miniaturen sind dennoch hörenswert: Das ist Romantik pur, Gefühlslyrik, ganz subjektiv und um formale Vorgaben unbekümmert. Seelenbespiegelungen, im Klangstil an Schubert oder Schumann orientiert.
Atmosphärisch reich sind auch die Lieder von Stanislaw Moniuszko, die in Beczalas Wiedergaben ungemein sinnlich und anrührend klingen.