Theater an der Wien: Liebe in der Todeszelle
Regisseur Nikolaus Lehnhoff über den wahren Gehalt der Oper "Dead Man Walking"
Wenn es einfach ein Stück über die Todesstrafe wäre", sagt Nikolaus Lehnhoff, "hätte ich es nicht inszeniert." Was in den USA für Brisanz sorgen kann, hätte in Europa kaum Sprengkraft, wäre da nicht die menschliche Komponente, die tief humane Aussage, die "Dead Man Walking", Jake Heggies Veroperung der Erinnerungen von Schwester Helen Prejean, doch zum berührenden Musiktheaterwerk macht.
Heggie hat es mit einer Musik vertont, die Lehnhoff, "als ich sie zum ersten Mal hörte, als eine Art schwarzes Musical empfand, - was ich keinesfalls abwertend meine. Eher schon als Kompliment, denn es werden da auf sehr geschickte Art Stimmungen erzeugt". Die braucht Lehnhoff für se...
Musik als Lebensinhalt - "Quatsch!"
interview. Auf dem Weg zum eigenen Mythos: Dirigent Christian Thielemann über Pläne und Keulenschläge.
Die Bayreuther Festspiele 2007 sind zu Ende. Christian Thielemann hat am Wochenende noch einmal die "Götterdämmerung" dirigiert und macht jetzt Urlaub. "Den", so sagt der Dirigent im Gespräch, "habe ich auch höchst nötig. Ich war jetzt seit Mitte Juni für die Proben und, die Generalproben eingerechnet, 17 Aufführungen in Bayreuth. Viermal der ,Ring', das sind schon Keulenschläge. Da kann man nicht einfach ein paar Tage später zur Tagesordnung übergehen."
Von Dirigenten, die bei übervollem Terminkalender "herumreisen wie die Irren", wie er das nennt, hält Thielemann nichts: "Die können dann ja nicht jeden Tag die volle Leistung erbringen, die man ...
»Bin nicht für die Komödie geboren«
Katharina Wagner. Des Komponisten Urenkelin im Gespräch über Bayreuth, die Jugend und das Regiehandwerk.
Ihre erste Festspielinszenierung war gleich der erhoffte Aufreger: Die Karten im Nachfolgespiel auf dem grünen Hügel waren mit dem 25. Juli 2007 neu gemischt. Denn das deutsche Feuilleton reagierte auf das lang erwartete Debüt der 29-Jährigen durchwegs respektvoll: Auch wer diese "Meistersinger" nicht mochte, musste zugeben, dass Katharina Wagner das Regie-Handwerk gelernt hat und eine Bühne stundenlang aufregend zu beleben versteht.
Die Chancen, dass die nächste Festspielchefin Katharina Wagner heißen könnte, dass die Tochter ihrem Vater, Wolfgang Wagner, nachfolgen wird, sind also gestiegen. Dass die Aufgabe sie reizen würde, daran hat Katharina so...
»Lang genug unterwegs«
Interview. Kammersängerin Angelika Kirchschlager über die Strapazen des Musiktheaters und des Reisens, die Liebe zu den Liedern und die Tücken der Mathematik.
Wiens jüngste Kammersängerin heißt Angelika Kirchschlager. Die Salzburgerin ist längst ein Weltstar und dabei so sympathisch unkompliziert geblieben wie kaum eine Künstlerin, die in Sachen Musik um die Welt reist. Wobei die Sache mit den Weltreisen für Angelika Kirchschlager längst nicht mehr so erfreulich sein dürfte wie das am Beginn ihrer Karriere war, als sie sich über das enorme Interesse, das man ihr entgegenbrachte, natürlicherweise besonders freute. Wenn man ihr zum Gespräch gegenüber sitzt, lässt die Sängerin keinen Zweifel daran, dass ihr heutzutage viel eher daran gelegen ist, längere Stre...
Ernst Haefliger ist im 88. Lebensjahr in Davos gestorben, aktiv und um den jugendlichen Nachwuchs bis zuletzt bemüht, dem nicht zuletzt die Lehrtätigkeit der vergangenen Jahrzehnte, ein weises Buch über Gesangstechnik und - im Vorjahr erstmals abgehalten - ein nach Haefliger benannter Wettbewerb in Bern und Gstaad galten.
Die schlanke, klug und ungemein wortdeutlich geführte Stimme machte den Tenor zu einem der begehrtesten Interpreten der Bachschen Evangelisten, von Mozarts Tenor-Partien und Schuberts Liedern, denen seine besondere Liebe galt. Noch im legendären Münchner "Tristan", den Lorin Maazel zur Wiedereröffnung des Prinzregententheat...
Im Lärm des Tagesgeschäfts und des glamourösen Starkults drohen solche Nachrichten gern vergessen zu werden. Und doch: Wie wären videotaugliche Konzert- und Theater-Ereignisse möglich ohne die liebevolle und kundige Aufbauarbeit von Meistern vom Schlage eines Kurt Rapf, der wenige Wochen nach seinem 85. Geburtstag in Wien gestorben ist?
Er war ein Vollblutmusikant, dessen stets von Humor getragene, verbindliche Lebensart Generationen von Kollegen zu einem produktiven Miteinander animieren konnte. Erneuerungsgeist war seiner energiegeladenen, doch niemals überbordenden Wesensart offenbar angeboren. Oder zugewachsen in den wirren Zeiten, in den...
»So tollkühn bin ich nicht!«
Quo vadis Volksoper? Das designierte Direktoren-Team von Wiens "anderem" Repertoire-Opernhaus, Robert Meyer und Rainer Schubert, im Gespräch über die Zukunft von Operette und Oper in der Landessprache.
Im Herbst übergibt Volksopern-Direktor Rudolf Berger - ein Jahr früher als geplant - die Agenden an seine Nachfolger. Zwei Herren aus dem Burgtheater übersiedeln ins Haus am Gürtel: Publikumsliebling Robert Meyer, der als Singschauspieler schon des öfteren in der Volksoper gastiert hat, und Rainer Schubert, der mit Klaus Bachler vor einigen Jahren aus der Volksoper an die Burg übersiedelt ist und nun in "sein" Haus zurück wechselt.
Im Gespräch über die Zukunft des zweiten Wiener Opernhauses gaben die beiden Herren anlässlich der letzten Veranstaltung i...
Nachruf
Wie man mit dem Hammer musiziert
Über die russische Komponistin Galina Ustwolskaja, die 87-jährig in St. Petersburg starb.
Die Frau mit dem Hammer", kaum ein Komponist, eine Komponistin gar, hat in unserem Äon einen griffigeren Kosenamen zugesprochen bekommen als diesen. Ein holländischer Rezensent prägte das Epitheton angehörs manch heftiger Schläge mit dissonierenden Akkordgebilden, die in der Musik Galina Ustwolskajas für Unruhe und Beunruhigung sorgen. Ein wenig ungerecht wäre es, wollte man die Bewertung des kompositorischen Oeuvres der 1919 in der damals Petrograd genannten russischen Metropole geborenen Künstlerin auf diese no...
Strauß und das aufg'wärmte Gulyas
Im Gespräch. Heinz Zednik übers Theaterspielen und seine erste Wiener Regie-Arbeit.
Er ist ein Erzkomödiant. Und wie alle guten Komödianten nimmt er seinen Beruf bitterernst. Wenn Heinz Zednik übers Theatermachen erzählt, dann gibt er seinem Gesprächspartner mit jeder Silbe zu verstehen, dass er keinen Spaß versteht, sobald es ums Späßemachen geht. Über die Jahre und Jahrzehnte als Ensemblemitglied der Wiener Oper und als international gesuchter Interpret hat er von den Bayreuther Festspielen bis an die Met die Hauptpartien des Charakterfachs gesungen. Dabei hat sich der Blick fürs theatralische Räderwerk geschult. Er weiß, was es heißt, wenn auf der Bühne etwas ganz leicht aussieht - und wie dazu alle, von der kleinsten Charge bis zur Diva zusammenwirken...
Friederike hat sie geheißen. Natürlich. Aber wir alle kannten sie nur als Fritzi. Fritzi Schlesinger, die wohl treueste Opern- und Konzertbesucherin Wiens. Selbst im hohen, im höchsten Alter war sie da, wenn Musik gemacht wurde, wenn über Musik diskutiert wurde, und wenn es darum ging zu erfahren, wie das gewesen ist, damals, als Richard Strauss seine eigenen Werke dirigiert hat, oder als Serge Rachmaninow in Wien höchstselbst aufgespielt hat. Dann war sie die verlässlichste Informationsquelle.
Sie konnte Jahrzehnte nach einem Ereignis noch ins Schwärmen geraten, etwa über die Interpretation des Beethoven-Violin...