Alle Beiträge von discjockey

Die Wahrheit über Karajan

Karajan, »inszeniert« vom Photographen Rudolf Kessler

Karajan? Es war alles ganz anders!

Berliner Philharmoniker. Den legendären Dirigenten gab es zweimal. Der eine ist in unzähligen gestylten Studioaufnahmen dokumentiert. Der andere Karajan, den man nur live erleben konnte, wird nun durch eine CD-Edition wieder lebendig.

Karajan – nach wie vor hat der Name nichts von seiner Strahlkraft verloren. Wenn es gilt, die berühmtesten Dirigenten aller Zeiten aufzuzählen, landet der Salzburger des Jahrgangs 1908 auch 36 Jahre nach seinem Tod im Juli 1989 noch auf den vordersten Rängen, wenn nicht auf Platz eins.

Für TV-Auftritte »gestylt«

Das liegt nicht zuletzt daran, dass dieser Mann ein reicheres Erbe an Tonaufnahmen hinterlassen hat als nahezu sämtliche Konkurrenten. Und dass viele dieser Aufnahmen bis heute als Referenzeinspielungen klassischer und romantischer Spitzenwerke gelten – von den Beethoven-Symphonien über Brahms und Bruckner bis zu Richard Strauss und, ja: tatsächlich, Arnold Schönberg.

Aber: Wer Herbert von Karajan in Oper oder Konzertsaal live erleben durfte, der weiß, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Es gab noch einen anderen Karajan. Dessen Ruhm vermehrte sich international naturgemäß durch die vielen Schallplatten, die er bereits in jungen Jahren aufzunehmen begann. Aber die Legende Karajan entstand nicht in den Studios, sondern dort, wo sein Charisma unweigerlich wirkte – in Richtung Musiker und in Richtung Publikum. Von dieser Verzauberung, die oft ans Hexenmeisterische grenzte, geben die in aller Regel vor allem auf höchste technische Perfektion gestylten Einspielungen nur einen Bruchteil – in manchen Fällen ist man sogar versucht zu sagen: gar nichts – wieder.

für SINKOTHEK-Abonnenten

zum Weiterlesen bitte anmelden

Schostakowitschs Vermächtnis

MATTHIAS GOERNE SiNGT DIE »MICHELANGELO-SUITE« – CD-NEUERSCHEINUNG – HOCHPOLITISCHE KLÄNGE VOR UND HINTER DER »MAUER«

Die Poesie des Bildhauers

Dmitri Schostakowitsch
Suite nach Gedichten von Michelangelo

Matthias Goerne – Mikko Franck
Orchestre National, Radio France

Die Sonette Michelangelos haben viele Komponisten inspiriert, allen voran Hugo Wolf, der drei seiner letzten Kompositionen diesem Künstler widmete. Auch im XX. Jahrhundert haben etliche Meister sich der Poesie des großen Bildhauers bedient, unter anderem auch Benjamin Britten, der wiederum mit Dmitri Schostakowitsch befreundet war, der im Jahr nach Brittens Tod, 1974, einen Zyklus nach Michelangelo-Gedichten vertont hat.

Matthias Goerne

Die »Michelangelo«-Suite stellt so etwas wie ein musikalisches Vermächtnis dar. Matthias Goerne und das Pariser Rundfunk-Orchester unter Mikko Franck haben sie konzentriert und – auch in den introvertierten, leisen Passagen spannungsgeladen – mit beeindruckender Intensität aufgenommen. Und mit einer wenige Jahre zuvor entstandenen Orchestermusik zur Zelebration des 50. Jahrestages der russischen Oktoberrevolution gekoppelt, die auf lärmend-vordergründige Weise durch die »offiziellen«, der sowjetischen Kulturdoktrin verpflichteten Klänge die vollständig nach innen gekehrte, private, subjektive – und damit vielleicht subversive – »ehrliche« Musik desselben Komponisten konterkariert. Ein Hörabenteuer…

 

DAS SINKOTHEK-ABONNEMENT

ZUM WEITERLESEN, BITTE ANMELDEN

Händels Widersacher: Die Chandos-Anthems von Johann Christoph Pepusch

Accent 2024

Originell – beziehungsweise very british – nimmt sich schon die Liste der Ausführenden aus: Die »Girl Choristers of Canterbury Cathedral« und »The harmonious society of tickle-Fiddle Gentlemens« singen und spielen unter Robert Rawson die »Chandos Anthems« – aber nicht die berühmten von Georg Friedrich Händel, sondern jene von Johann Christoph Pepusch (1667–1752), dessen Namen man heute nur deshalb noch kennt, weil er einst die Musik zu John Gays Kassenschlager »The Beggar‘s Opera« (1728) – und damit das Vorgängerwerk zu Brecht/Weills »Dreigroschenoper« – geschrieben hat. Und die »Beggar's Opera« wiederum trug zum Ruin von Händels Londoner Opernunternehmen bei.

Händels Ruin

Von diesem Ruin hat sich Händel, man weiß es, wieder erholt – und blieb eine Berühmtheit über die Jahrhunderte. Doch ist es spannend, nun endlich eine andere Komposition des Widersachers Pepusch zu hören, die nachweist, daß der nicht nur über Provokationspotential, sondern auch über eine gehörige Portion handwerklichen Könnens verfügt. hat.

Auch Pepusch war von Deutschland aus nach England gekommen. Schon früher als Händel, 1697, hatte er die Reise aus Berlin angetreten. Er war nicht zuletzt dafür verantwortlich, daß die italienische Oper in London Fuß fassen konnte – und somit einer jener Männer, die den Grundstein zu Händels späteren Sensationserfolgen gelegt hat. Seit 1714 war Pepusch Musikdirektor des Drury Lane Theatres, für das er »englische Masques nach italienischer Art« schrieb.

 

DAS SINKOTHEK-ABONNEMENT

ZUM WEITERLESEN, BITTE ANMELDEN

Mozarts Requiem, neu »ausgehorcht«

harmonia mundi 2024

Raphaël Pichon hat die bekannte Süßmayr-Fassung von Mozarts Requiem durch Einschübe früherer Mozart-Stücke in ein neues Licht gerückt und uns damit eine bewegende Einspielung des Werks geschenkt.

Pichon beruft sich auf die Traditionsverbundenheit Mozarts, der sein Requiem ganz nach dem Muster vergleichbarer Kompositionen seiner Zeitgenossen (nicht zuletzt Miachael Haydns) skizzierte – mit allen damals üblichen Ingredienzien der katholischen KIrchenmusik, Schlußfugen inklusive.

Sein Schüler Franz Xaver Süßmayr hat das bei Mozarts Tod fragmentarische Werk fertiggestellt. Als Pasticcio ist es uns überliefert – und die vom Meister selbst komponierten Abschnitte sind so stark, so überwältigend, daß sie vergessen machen, daß es sich um eines der großen unvollendeten Meisterwerke der Musikgeschichte handelt.
Pichon übernimmt in seiner Neuaufnahme Süßmayrs Partitur, ergänzt seine Interpretation aber durch Interpolation anderer, kaum bekannter Mozart-Stücke.

 

DAS SINKOTHEK-ABONNEMENT

ZUM WEITERLESEN, BITTE ANMELDEN

Harriet Krijghs romantische Reise

Capriccio, 2024

Die holländisch-österreichische Cellistin hat mit den Tonkünstlern unter Martin Sieghart die Konzerte von Dvořák und Elgar aufgenommen – der Klassiker der Cellolitaratur und ein ebenbürtiges Werk, das wenigstens ebenso bekannt sein sollte.

Harriet Krijgh ist eine der sensibelsten Musikerinnen unserer Zeit, die sich hier in allen Facetten der Spätromantik entfalten darf. Die ariosen Elemente der langsamen Sätze sind, das war zu erwarten, ihre Force, vor allem Elgars Adagio-Satz geriet dank Siegharts behutsamer Unterstützung zu einem akustischen Edelstein – der schon von einem entsprechend funkelnden Scherzo-Satz einbegleitet wurde; gerahmt von den beiden ebenso leidenschaftlichen, wie resignativ grübelnden Ecksätzen dieses wunderbaren Konzerts.

Auch die Neueinspielung von Dvořáks berühmtem Gegenstück kann durchaus gegen die notorisch starke Konkurrenz bestehen: Krijgh stellt sich mit bemwerkenswerter innerer Kraft auch den dramatisch-kämpferischen Momenten dieser Komposition – und bewahrt im Verein mit dem Dirigenten und dem hörbar animiert musizierenden niederösterreichischen Orchester die Übersicht über die abenteuerliche Formgebung, die allein aus dem spontanen Erzählduktus zu entwachsen scheint. Der Hörer wird auf eine Abenteuerreise mitgenommen, läßt sich dazu gern verführen und erreicht am Ende – vielleicht erstaunt über den mutigen »Blindflug«, aber zufrieden – den sicheren Hafen

Händels Explosion

LINN 2024

Als der deutsche Meister für den italienischen Kollegen Corelli komponierte – und wie er sich für seine künftige Karriere rüstete: John Butt und sein Dunedin Consort präsentierten »Händel in Rom« und damit Kantaten aus der frühen Reifezeit des Komponisten.

Bevor er zum musikalischen Eroberungsfeldzug schreiten konnte, um als gebürtiger Sachse zum bedeutendsten Komponisten Englands zu werden, mußte Georg Friedrich Händel Station in Rom machen. Er hatte für Hamburg zwar bereits zwei Opern komponiert und war mit der reichen protestantischen Kirchenmusik seiner Heimat bestens vertraut. Aber wer etwas auf sich hielt in der Musikwelt, der mußte sich im katholischen Land der Musik, in Italien, den letzten Schliff geholt haben. Händel war gerade 22 als er in der päpstlichen Metropole ankam – und er mauserte sich in kürzester Zeit zum Lieblingskomponisten einflußreicher Gönner. In der Aneignung war er stets ebenso skrupellos wie genial: Was er an Gewinnträchtigen bei anderen sah, erfuhr unter seinen Händen höchste Veredelung.

John Butt vereint mit seinem Dunedin Consort auf der neuen CD drei italienische Kantaten, in denen sich der künftige Opernmeister ebenso bereits entpuppt wie der Schöpfer edler, selbstvegessener, der puren Schönheit ergebenen Gesangslinien – die hier von der jungen Sopranistin Nardus Williams als willkommene Visitenkarten genutzt werden.

 

DAS SINKOTHEK-ABONNEMENT

ZUM WEITERLESEN, BITTE ANMELDEN

Bruckners Klaviermusik

Pentatone 2024

Ein akustischer Gegenpol zu den Feierlichkeiten von Anton Bruckners 200. Geburtstag? Wer da meint, in einer Sammlung von Klavierwerken des Komponisten, die vor der ersten großen symphonischen Arbeit entstanden, lediglich Schüler-Versuche vorzufinden, irrt gewaltig. Es lohnt sich, manche Tracks der neuen CD von Mari Kodama aufmerksam zu hören.

 

DAS SINKOTHEK-ABONNEMENT

ZUM WEITERLESEN, BITTE ANMELDEN

»Parisienne« – Klavierkonzerte von Ravel und Massenet

Hänssler Classics (2024)

»Parisienne«
Klavierkonzerte von Jules Massenet & Maurice Ravel
Eloïse Bella Kohn (Klavier), RSO Berlin – Christoph Koncz

Das neue Album der französischen Pianistin Eloïse Bella Kohn konfrontiert eine – hörenswerte, weil exzellente – Neuaufnahme von Maurice Ravels vielgespieltem G-Dur-Konzert mit einer echten Rarität: Jules Massentes 1902 vollendetem, aber auf bedeutend älteren Skizzen basierendem Klavierkonzert.

»Parisienne« – Klavierkonzerte von Ravel und Massenet weiterlesen

Der Ring des Nibelungen – Thielemann in Berlin

Der »Ring» aus Berlin auf DVD (Unitel)

Christian Thielemanns Einstand an der Lindenoper

Diese Produktion wollte eigentlich Langzeit-Musikchef Daniel Barenboim herausbringen. Er hatte sich für die Saison 2022/23 einen neuen »Ring des Nibelungen« für seine Deutsche Staatsoper unter den Linden gewünscht. Krankheitshalber mußte er die musikalische Leitung abgeben und es sprang – viel beachtet – Christian Thielemann ein. Der Jüngere galt lange Zeit als eine Art Antipode Barenboims, doch erwies sich anläßlich der Premierenserie der von Dmitri Tcherniakov in der notorischen Regietheatermanier inszenierten Tetralogie, daß Thielemann mit der Staatskapelle Berlin sogleich aufs schönste harmonierte.

Es dauerte nicht lang, da wurde nach Barenboims Rücktritt der gebürtige Berliner Thielemann zum neuen Generalmusikdirektor des Hauses unter den Linden gekürt. Der Live-Dokumentation des Tcherniakov-Rings kommt daher musikalisch Bedeutung zu: Es war eine Weichenstellung, die da vorgenommen wurde. Wie gewohnt, agierte Thielemann mit einem ihm noch unbekannten Klangkörper vorsichtiger, jedenfalls langsamer als zuletzt gewohnt, aber er rückte kein Jota von seinen klanglichen Vorstellungen ab – und triumphierte auf der ganzen Linie, weil die Musiker spürbar mit Lust seinen Ideen folgte und sie in die Tat umsetzte.

Dazu kommt, daß die Sängerbesetzung über weite Teile die erste Wahl für die jeweiligen Partien in unsern Tagen darstellt: Anja Kampe als Brünnhilde etwa und Andreas Schager als Siegfried.

Ob Wagner-Verehrer die Bilder wirklich mehrmals sehen möchte, bleibe dahingestellt – die Tonspur dieses Livemitschnitts bleibt wohl ein bedeutendes Dokument.

Schubert – von Schuen und Heide

André Schuen und Daniel Heide haben ihren Schubert-Zyklus komplettiert.

Screenshot

Mit der Veröffentlichung der »Winterreise« haben André Schuen und Daniel Heide ihren Schubert-Zyklus bei der Deutschen Grammophon vollendet, alle drei Liederzyklen – inklusive des keineswegs vom Komponisten als zusammengehörige Lieder-Folge definierten »Schwanengesangs« – liegen nun vor.

Schubert – von Schuen und Heide weiterlesen