Salzburg spielt maurerische Klänge aus der Feder des Genius loci, stellt Beziehungen zwischen einer Freimaurerkantate und der Zauberflöte her – und präsentiert die berühmte Maurerische Trauermusik. wie sie vielleicht ursprünglich erklang: mit Chor.
ZUR RUNDFUNKÜBERTRAGUNG AM 12. AUGUST 2025
Die Salzburger Festspiele widmen eine halbe Mozart-Matinee den maurerischen Aktivitäten des Komponisten. Viel ist über Mozarts Mitgliedschaft in der Loge „Zur wahren Eintracht“ diskutiert und gerätselt worden. Das Mozarteumorchester geht in seiner Matinee am kommenden Sonntag den Dingen akustisch auf den Grund und präsentiert unter der Leitung von Roberto González-Monjaseinige Werke, die direkt oder indirekt mit Mozarts Freimaurer-Mitgliedschaft zu tun haben.
Salzburg spielt heuer wieder einmal Arnold Schönbergs Erwartung – und manche Rezensenten tun so, als wäre das eine Großtat. Dabei gilt dieses Werk seit Jahr und Tag als Schlüsselstück des musikalischen Expressionismus und wurde in jüngster Zeit von vielen bedeutenden Opernsopranen in aller Welt gesungen; oft in konzertanten Wiedergaben, immer wieder aber auch in Inszenierungen. Und die Salzburger Festspielaufführung mit Jessye Norman in Robert Wilsons Inszenierung in den Neunzigerjahren genießt bereits legendären Status.
DAS WERK WAR SOFORT EIN EMINENTER ERFOLG
Obwohl die Komposition bereits auf dem Höhepunkt der sogenannten atonalen Phase Schönbergs vollendet war, dauerte es bis in die ersten Jahre der Zwölfton-Phase des Komponisten, daß Erwartung den Weg auf die Bühne fand. 1924 dirigierte Alexander von Zemlinsky beim Prager Musikfest die Uraufführung. Marie Gutheil-Schoder sang – und es kann keine Rede davon sein, daß die Zeitgenossen Schönbergs radikale Musiksprache nicht geschätzt hätten: Die Rezension im Prager Tagblatt berichtet von stürmischem Applaus und erweist sich als kluge Einordnung der Komposition in die Entwicklungsstränge der jüngeren Musikgeschichte.
Im Dezember 2026 wird der Wiener Pianist seinen 80. Geburtstag feiern, vor dem Beginn seines Festivals in Grafenegg verriet der Künstler, wie er zum Intendanten geworden ist und wie er aus einfachen Verhältnissen große Karriere machen konnte.
Wirklich passiert ist in Robert Wilsons Theater nie etwas. Selbst dort, wo in seinen Operninszenierungen die Musik wildeste Bewegung suggerierte, herrschte auf der Szene statuarische Ruhe. Das fanden manche Zuschauer provokant. Oder langweilig. Je länger man aber darüber nachdenkt, was man selbst während solcher Abende erleben konnte, zieht man vor dem amerikanischen Bühnenmagier den imaginären Hut. Denn seine suggestiven, scheinbar unbeweglichen Bildkreationen, in denen Darsteller stets dazu angehalten waren, möglichst nicht – und wenn, dann in abgezirkelten Zeitlupengebärden zu agieren, sie brachten uns über das Schauen quasi durch Unterforderung des Sehsinns zum Lauschen. Und dann passierte plötzlich wieder sehr viel…
Bei der festlichen Eröffnung der Salzburger Festspiele gab es diesmal eine peinliche Panne. Offenbar geführt von Insidern, gelangten einige Personen, die gegen das Vorgehen der israelischen Regierung im Gaza-Streifen protestieren wollten, auf die Bühne und in die Arkaden der Felsenreitschule und störten dort die Rede des Vizekanzlers, Andreas Babler. Die Aufregung war nachher größer als während des Vorfalls: Wie konnte das passieren? Warum hat das Sicherheitssystem versagt?
Die Lehre daraus: Man kontrolliert nun die Eintrittskarten, die seit der Corona-Pandemie ohnehin personalisiert sind – was übrigens einen empfindlichen Eingriff in die Rechte der Kartenkäufer darstellt – noch rigoroser als zuvor. Als ob die prächtig geschmückten Festspieladabeis und die nach wie vor oft gut gekleideten Musikfreunde eine Gefährdung darstellen würden. Das ist so absurd, wie das jährliche Theater um die Festspieleröffnung. Diese stellt nämlich für noch halbwegs bei Sinnen befindliche Kultur-Konsumenten seit langem nur noch ein Ärgernis dar. Nicht wenn, wie diesmal, Protestaktionen gestartet werden, sondern wegen der unerträglichen hohlen Phrasen, die bei dieser Gelegenheit von den Politikern, aber meist auch von den Festrednern gedroschen werden.
Was die bis zum Überdruß wiedergekäuten Moralisierungen von allen Seiten mit der europäischen Kunst und ihrem Beitrag zu unserm Leben zu tun haben sollen, müssen sich die Berichterstatter jedesmal verkrampft aus den Fingern saugen und in weitere belanglose Worthülsen verpacken.
Ausrine Stundyte als Schönbergs »Die Frau« (Fotos: SF/Ruth Walz)
Festspielpremiere. Nur der Titel des Abends gab Rätsel auf: „One Morning Turns into an Eternity“. Der Rest war eine Zeitreise an die Wurzeln der Moderne, die akustisch viel, szenisch kaum etwas hergab.
Die Presse, Juli 2025
Auf seine alten Tage wird unser Peter Sellars noch zur Helikoptermutter der Stücke, die er inszeniert. Wo sind die Zeiten geblieben, als er Mozarts Daponte-Zyklus in eine zeitgeistige theatralische Kaugummiblase verwandelt hat? Das war damals irritierend für viele.
Anno 25 hingegen begab es sich in der Felsenreitschule, daß der Regisseur und sein Team so freundlich beklatscht wurden wie Dirigent und Sängerinnen. Und das für einen Abend, der nach knapp 70 Minuten auch schon wieder zu Ende war, nachdem kurz und schmerzlos Arnold Schönbergs Monodram »Erwartung« mit dem letzten Satz von Gustav Mahlers »Lied von der Erde« kombiniert worden war. Verbunden durch eine Aufführung von Anton von Weberns fünf Orchesterstücken op.10, noch kürzer, noch schmerzloser; viele im Publikum haben gar nicht bemerkt, daß sie überhaupt gespielt wurden.
»Ouverture spirituelle«. Strawinskys überwältigender „Oedipus Rex“ traf auf Berlioz’ „Symphonie fantastique“: Schicksalsmacht gegen Künstlerleben.
Vom Schicksal handeln die Programme der diesjährigen »spirituellen« Eröffnungswoche der Salzburger Festspiele. Lorenzo Viotti hatte für seinen Auftritt an der Spitze der Wiener Philharmoniker und der Herren des Singvereins eine ebenso kluge wie überraschende Programmierung gewählt: Igor Strawinskys Oedipus Rex sollte neben Peter Iljitsch Tschaikowskys Vierter Symphonie stehen. Das schien manchem Musikfreund befremdlich. Der Avantgardist mit einem Werk aus seiner neoklassizistisch »geläuterten« Phase und der russische Romantiker? Wie sollte das zusammengehen?
2026 wird zum ersten Mal »Rienhi« bei den Bayreuther Festspielen aufgeführt. Nicht der einzige Tabubruch bei den Wagner-Festspeilen im Jubiläumsjahr.
In Bayreuth stehen große Veränderungen an. Der Übergang bei den traditionsreichen Wagner-Festspielen vollzieht sich freilich schrittweise, ohne großes Aufsehen. Im kommenden Sommer gibt es jedoch eine Jubiläums-Saison, bei der vieles anders sein wird als gewohnt. Vor allem einmal gibt man erstmals auf dem Grünen Hügel ein Frühwerk des Gründervaters, das dieser gar nicht für seine Festspiele kanonisiert hat: „Rienzi“.
Meyerbeer-Reminiszenz und „KI-Ring“
Mit diesem Musikdrama, das formal noch ganz im Banne von Giacomo Meyerbeers „Grand Opera“ steht, hat der Dichterkomponist einst seinen internationalen Durchbruch geschafft. Aber erst das folgende Werk, „Der fliegende Holländer“, schien Wagner „festspieltauglich“. Tatsächlich ist sich die Theater- und Musikwissenschaft einig: Ab dem „Holländer“ war Wagner ganz er selbst. Zur Feier der 150. Wiederkehr der Eröffnung des Festspielhauses hat Wagner-Urenkelin Katharina nun entschieden: Auch der „Rienzi“ gehört – zumindest für diesmal– in den Wagner-Olymp.
Ein KI-generierter »Ring« mit Reminiszenzen an frühere Produktionen
Bringen die Festspiele 2025 die lang ersehnte Trendumkehr im Regietheater-Zeitalter?
Wer mag, kann live bei der Premiere der Neuinszenierung von Wagners Meistersingern von Nürnberg dabei sein, mit der die Bayreuther Festspiele heuer eröffnet werden. Wie gewohnt, sendet Bayern 4 den Ton (25. Juli, 16 Uhr). Aber im Internet kann man diesmal auch zuschauen:
Hans Sachs – Georg Zeppenfeld Walther von Stolzing – Michael Spyres David – Matthias Stier Eva – Christina Nilsson Magdalene – Christa Mayer
Am Dirigentenpul steht: Daniele Gatti, der in der ersten Pause auch interviewt wird.
Regie: Matthias Davids, der im Vorfeld angekündigt hat, daß er es schätzt, wenn Stücke auch ohne Zuhiflenahme von Dramaturgen-Erläuterungen erkennbar sind. Die lang ersehnte Trendumkehr????
BEGLEITLEKTÜRE UND AUFNAHMEKLASSIKER in der Sinkothek