Christie dirigiert Haydn

Die Harmoniemesse und die Kleine Orgelsolomesse als faszinierendes Gespann auf einer neuen CD: William Christie und seine Arts florissents konfrontieren zwei herrliche Vertonungen des Ordinariums miteinander, die äußerlich nicht unterschiedlicher sein könnten: Die für Miniaturbesetzung gesetzte „Kleine Orgelsolomesse“ und die „Harmoniemesse“, in der der Meister 1802 sein letztes Wort in diesem Genre spricht: mit großer Orchester- und Chorbesetzung und als weltweit anerkannter Meister der Symphonie, die in jener Zeit bereits Haydns Schüler Beethoven zu neuen Dimensionen führt – und zwar, wie man gerade an der Harmoniemesse hören kann – genau in Haydns Sinn.

Eine Welt, zwei Dimensionen

Die unterschiedlichen, ja diametral einander entgegengesetzten formalen Vorgaben, die Haydn in diesen beiden Werken zu erfüllen hatte, sollen nicht darüber hinwegtäuschen, daß beiden Vertonungen des Messtextes immense innere Größe eigenet. Was in dem 20 Jahre älteren, kleinen, für die Barmherzigen Brüder komponierten Werk in Sekundenschnelle geschieht – Gloria und Credo lassen hören, wie Komponisten damals mit dem Gebot der äußersten zeitlichen Knappheit umgingen: Man ließ die verschiedenen Chorstimmen die Verse der langen Texte simultan singen! – erfährt in dem späteren Stück großzügig dramatische Entfaltung. In beiden Fällen herrscht faszinierende melodische Geschmeidigkeit und in den introvertierten Passagen Innigkeit und spirituelle Hingabe.

Die Spuren führen in die symphonische Zukunft des 19. Jahrhunderts

Die „Harmoniemesse“ ist die letzte der sechs späten Messen des Komponisten, der nach wie vor als Hofkomponist des Fürsten Esterházy firmierte, aber nur noch angehalten war, einmal jährlich zur Zelebration des Namenstags der Fürstin eine große Messe zu liefern. Der äußere Pomp der vierzigminütigen Komposition geht mit einer Verdichtung der inhaltlichen Aussage einher, die tatsächlich den eminenten Anspruch verrät, den Haydn selbst mit seinen Londoner Symphonien künftigen Generationen von Komponisten hinterlassen hat: In gewissem Sinne ist die Messe die erste „große“ Symphonie des 19. Jahrhunderts und führt in ihrer dramaturgischen Anlage in jene Richtung, die Beethoven wenig später mit der „Eroica“ einschlagen sollte.

Wer ein klangliches Äquivalent dieser Zukunftsrächtigkeit sucht, wird mit der neuen Aufnahmen wohl nicht glücklich werden. Was an orchestraler Kraft in der Partitur der „Harmoniemesse“ steckt, wird eher in den Deutungen durch Janos Ferencsik oder Leonard Bernstein deutlich, die in den Siebzigerjahren die wohl effektvollsten Aufnahmen des Werks gemacht haben. Mittlerweile deckt die Originalklang- Mode eher die Verbindungslinien zur fragileren, sparsameren Kirchenmusik-Tradition auf, wie sie Christie demonstriert, indem er das ehrfurchtgebietende Hochamt der kleinen, zwei Jahrzehnte älteren „Gebrauchsmesse“ gegenüberstellt.

Das hat natürlich Methode, auch deshalb, weil Christie auch das groß dimensionierte Werk feingliedrig und detailverliebt zelebriert. Die inhaltliche Aussage – und die reichen Flexionen in der Umsetzung des Textes, von hymnischem Lobgesang bis hin zur flehentlichen Bitte um Erlösung – packen den Hörer unvermittelt. Man versteht, warum die illustren Zeitgenossen die Uraufführung in der Eisenstädter Bergkirche als Ereignis von Weltformat begriffen. Haydns Position als führender Meister der Musik war unzweifelhaft. Warum, kann man hier nachhören. Chor, Orchester und auch die Solisten – vom quecksilbrig-agilen Sopran Melissa Petits angeführt – agieren mit spürbarer Hingabe, nur Andreas Wolf, auf dem Cover ausdrücklich als „baryton-bass“ ausgewiesen, liegt die echte Baßpartie deutlich zu tief, aber das ist ein Fauxpas, der nicht das erstemal passiert in Zeiten der „historischen Aufführungspraxis“…