Philharmonische Raritäten präsentierte der 36-jährige Dirigent in seinem jüngsten Abonnementkonzert. Drei Erstaufführungen von Werken, die allesamt allerdings schon über 100 Jahre alt sind…
Auf dem Programm: Poulencs »Animaux modèles«, Debusss »Printemps« und Alexander von Zemlinskys »Seejungfrau«.
Der ORF hat den Livemitschnitt auf seiner Ö1-Plattform online gestellt. Dort ist er ein Monat lang abrufbar.
ZUM »MITLESEN«
Die verwirrende Geschichte um ein musikalisches Meisterwerk und die Märchenerzählung, die ihm als programmatische Grundlage diente – im Wortlaut von H. C. Andersen.
Die Rezension
DIE PRESSE, 15. Juni 2026
Mit Lorenzo Viotti verstehen sich die Philharmoniker mittlerweile so gut, daß sie ihm nicht nur das kommende Schönbrunn-Konzert, sondern auch Abonnementkonzerte anvertrauen. Am Wochenende brachte der 36-Jährige auch drei Erstaufführungen ins Programm! Die Stücke waren freilich alle etwa 100 Jahre alt.
Keine Angst also im Auditorium. Bestenfalls der Name Francis Poulenc klang fremd vor dem Ohr. Aber schon die ersten Töne seiner „Animaux modèles“ vertrieben alle Zweifel.
Aus dieser Musik spricht zwar unverkennbar ein Zeitgenosse von Strawinsky, aber gefiltert durch die Errungenschaften der Pariser Unterhaltungsmusik. Eine charmante und farbenprächtige Mischung, in der es um Fabeln von La Fontaine geht, an der Pariser Opéra anno 1942 vertanzt, mit sanft subversiven Untertönen gegen die deutschen Besatzer. Da erlauscht man zwischen halb schwungvollen, halb sentimentalen Melodien auch manche Tierlaute.
Debussys Suite „Printemps“ dann, ein Jugendwerk des Rom-Preisträgers, in dem sich die koloristische Sensibilität des Klangzauberers immerhin schon ankündigt. Und als Nutzanwendung aller vorangegangenen Kunstfertigkeiten Alexander von Zemlinskys „Seejungfrau“ nach Andersens Märchen, nicht minder pittoresk, aber geboren aus nachwagnerischer Dramenästhetik. Wie in Schönbergs „Pelleas und Melisande“ – am selben Abend 1905 im Musikverein uraufgeführt! – rauscht ein riesiges Orchester erzählmächtig auf. Viotti nutzte die Chance zu großen, natürlich geatmeten Bögen. Und genoss, wie das Publikum, in vollen Zügen alle philharmonischen Tugenden, von kleinsten Soli bis zur großen Emphase…
