„Das ist peinlich für Österreich“
Auflösung des RSO Wien? Das von ORF-Generaldirektor Weißmann in den Raum gestellte Ende des Orchesters stößt bei Kulturschaffenden, aber auch bei der Politik auf Ablehnung.
So reflexartig, wie am Küniglberg bei drohenden Sparmaßnahmen der Bestand des Radiosymphonieorchesters in Frage gestellt wird, reagieren Vertreter des österreichischen Kulturlebens auch auf entsprechende Meldungen mit einem Aufschrei. Das war diesmal nicht anders. Genau nach dem Muster früherer vergleichbarer Vorkommnisse folgten Generaldirektor Weißmanns Aussage, die Finanzierung des ORF RSO Wien sei nicht mehr zu sichern, wütende Attacken – und ratlos-kopfschüttelnde Kommentare in den Internet-Foren.
Ausgerechnet im Musikland Österreich soll ein Orchester aufgelöst werden, das im Wiener Musikleben, bei den Salzburger Festspielen, als CD-Produzent und Opernorchester des Theaters an der Wien genau definierte Aufgaben übernimmt – und damit auch dem eigenen Haus, dem ORF viele Stunden Sendematerial liefert?
Die Kritiker dieser Sparmaßnahme, die schon mehrere ORF–Chefs und -Chefinnen ventiliert haben – schritten diesmal freilich rasch zur Tat. Gefordert wurde unter anderem die Verankerung des Orchesters im ORF–Gesetz. Eine Petition auf der Plattform „mein.aufstehn.at“ sammelte in weniger als 48 Stunden mehr als 27.000 Unterschrifte: :„Eine Kulturnation und ein Musikland wie Österreich kann sich das Verschwinden des RSO Wien nicht leisten. Diese Petition wirbt um die Finanzierung für den Fortbestand des RSO,“ heißt es Aufruf, der ausdrücklich an Kultur-Staatssekretärin Andrea Mayer gerichtet ist. Die hat noch bevor die Petitions „ans Netz“ ging wissen lassen, dass eine Auflösung des RSO für sie undenkbar sei und sie sich regierungsintern für die Finanzierung des Orchesters stark machen möchte.
Reagiert hat sogleich auch ÖVP-Kultursprecherin Maria Großbauer, die ihrer Parteikollegin, der für Medien zuständigen Ministerin Susanne Raab, nicht den schwarzen Peter zuschieben lassen will. Großbauer entgegnet Roland Weißmanns Ansinnen einer Auflösung des Orchesters vehement: „Völlig klar ist für mich als Kultursprecherin, dass der ORF als öffentlich-rechtliche Institution eines Kultur- und Musiklandes selbstverständlich weiterhin voll seinen Kultur- und Bildungsauftrag erfüllen muss. Ja, es muss auch gespart und sinnvoll gehaushaltet werden, aber die Kultur ist sicherlich der falsche Platz.“
„Peinlich für Österreich“
In Betracht zu ziehen seien im Übrigen auch die finanziellen Größenordnungen: Raab hatte den Sparauftrag mit einem vorgesehene Volumen von 300 Millionen Euro jährlich ausgegeben. Das RSO nimmt im ORF–Budget etwa neun Millionen Euro in Beschlag. Das betont auch die Chefdirigentin des Orchesters, Marin Alsop, die als Amerikanerin die österreichische Welt nicht mehr versteht: „Wenn ich als Amerikanerin an Österreich denke, ist das Erste, das mir in den Sinn kommt, Kultur. Österreich ist die Wiege der Klassik. Ich könnte es vielleicht noch verstehen, wenn das hier in Amerika passieren würde. Hier hat die Kultur einfach einen anderen Stellenwert. Insofern ist es für Österreich fast peinlich, dass diese furchtbare und drakonische Maßnahme überhaupt erwogen wird.“
Und zu den Kosten: „Dabei sprechen wir von 88 Vollzeitmusikern, zehn Mitgliedern der Orchesterakademie und dem Personal drumherum, was alles bei einem Budget von unter neun Millionen möglich ist! Wäre das RSO in den USA ansässig, sprächen wir von einem Budget von 25 bis 30 Millionen US-Dollar!“ Ins selbe Horn stößt Wiens Ex-Staatsopernchef Ioan Holender, der am Dienstag zur Finanzierung des Orchesters meinte: „Wenn die Stadt Wien dem fragwürdigen Johann-Strauß-Festival 20 Millionen Euro gewährt, sollte sie dies und mehr dem RSO geben. Schon der Gedanke, das RSO abzuschaffen, ist absurd.“
Nahezu alle Wortmeldungen verweisen auf die Vorreiterstellung des Ensembles in Sachen Neuer Musik, einen der Kernpunkte des Kulturauftrags. Chefdirigentin Alsop dazu: „Das Orchester ist damit in Österreich einzigartig und Teil eines ganzen künstlerischen Ökosystems, in dem die anderen Klangkörper davon profitieren, dass das RSO mit neuen Stücken vorangeht.“
Unser Image in der Welt
Maria Großbauer verweist auf die Bandbreite des Bilds, das sich die Welt vom Kulturland Österreich macht und dessen Widerspiegelung im öffentlich rechtlichen Rundfunk: „Denkt man an die wichtigste und meist gesehene Produktion des Jahres im ORF, das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, das in über 95 Länder weltweit ausgestrahlt wird und von über 60 Mio. Menschen gesehen wird, ist klar, welche Bedeutung die Kultur für unser Land hat und wie sehr sie unser Image in der Welt bereichert. Österreich steht aber genauso für zeitgenössische Kunst. Und aus diesem Grund muss das RSO unbedingt weiterbestehen.“