Thielemann geht nach Berlin

Christian Thielemann (64) übernimmt mit der Spielzeit 2024/25 das Amt des Generalmusikdirektors der Staatsoper „Unter den Linden“ in seiner Heimatstadt Berlin.

Er folgt damit auf den langjährigen Opernchef Daniel Barenboim, der seine Position zu Beginn des Jahres krankheitsbedingt zur Verfügung gestellt hat. Barenboim konnte auch die für ihn programmierte Neuproduktion von Wagners „Ring des Nibelungen“ in der vergangenen Spielzeit nicht mehr selbst leiten. Thielemann sprang ein. Nicht nur deshalb bezeichnete ihn Elisabeth Sobotka, die designierte Direktorin der Berliner Staatsoper als „logischen Nachfolger“.

Berlins Kultursenator Joe Chialo (CDU) gab die Ernennung Thielemanns am Mittwoch bekannt. Der galt seit der „Ring“-Übernahme aus ausdrücklicher Wunschkandidat der Staatskapelle, während die Berliner Kulturpolitik, aber auch einige Kulturjournalisten andere Dirigenten favorisierten. Berliner Musikfreunde bezeichnen die Wahl nun als „Sieg der Vernunft“. Mit Thielemann und Kirill Petrenko als Chef der Philharmoniker hätte man nun die beiden absoluten Spitzen-Maestri in der Stadt.

Thielemann bezeichnete den Beginn der gemeinsamen Proben für den „Ring“ als „magischen Moment“. Wenig später begann ein Prozess der gegenseitigen Annäherung hinter den Kulissen. Den neuen Posten kann der Dirigent allerdings erst übernächste Saison antreten. Bis dahin ist sein Terminkalender voll. Nicht zuletzt in Wien und an der Mailänder Scala stehen einige Aufführungsserien an.

Weil der Dirigent alle Verträge einhalten möchte, geht sich in seinem Jahr als Kapellmeister „unter en Linden“ nur eine Neuproduktion aus. Ziel ist es, in den folgenden Jahren auf etwa 20 Opernabende zu kommen und das symphonische Programm der Staatskapelle „weiterzuentwickeln“. Was der Dirigent darunger versteht, fasste er anlässlich der Präsentation in dem Satz zusammen: „Das Orchester soll alles spielen – vom Weihnachtsoratorium bis zum Happening.“

Daniel Barenboim kommentierte die Entscheidung zufrieden und bezog sich in seinem vom Kultursenator verlesenen Statement auf das Opernhaus und das Orchester: „Ich stand über dreißig Jahre an der Spitze dieser so besonderen musikalischen Institutionen und bin mir sicher, dass sie unter der Leitung Christian Thielemanns ihre Ausnahmestellung im Berliner und internationalen Musikleben weiter halten und ausbauen werden.“

Für die Wiener Verehrer von Thielemann bedeutet das auf längere Sicht nichts Gutes. Wie sich verzögerte Abläufe auf die Präsenz des Dirigenten, der stets mit seinen Terminen haushaltet, auswirken, konnte man in den vergangenen Jahren studieren: Dominique Meyer ist es gelungen, eine für Wien projektierte Neuproduktion von Wagners »Ring« nach Mailand »mitzunehmen«; und die von langer Hand vorbereitete Serie von Strauss‘ »Ariadne auf Naxos« im ersten Jahr der Ära nach Meyer fiel Pandemie-bedingt ins Wasser. So sind die Vorstellungen der »Frau ohne Schatten« im Oktober dieses Jahres die ersten an der Staatsoper seit drei Jahren. Im Frühjahr folgt noch die Übernahme des »Lohengrin« von den Osterfestspielen – danach wurde über Pfitzners »Palestrina« zumindest gesprochen; ob es eine Zusage gibt, die unter jene Termine fällt, die Thielemann nun unbedingt einhalten möchte, auch wenn er bereits in Berlin gebunden ist, bleibt abzuwarten…