Wer kann schon noch improvisieren?

Ein Podcast über einen der großen Verluste, den die klassische Musikszene zu verkraften hat. 

Für Musiker wie Bach, Händel, Haydn oder Mozart, ja noch für Ludwig van Beethoven, solang seine Gesundheit ihm erlaubte, die Laufbahn eines Klaviervirtuosen einzuschlagen, war das Improvisieren eine der Säulen ihres künstlerischen Selbstverständnisses. Man pilgerte zu den Auftritten dieser Musiker, um zu hören, was sie aus dem Stegreif fantasierten. Noch von Beethoven wissen wir, daß er etwa den ersten Teil seiner „Chorfantasie“ am Flügel improvisierte, ehe Orchester und Chor mit dem „komponierten“ Finale, einer eigenwilligen Vorstudie zur Neunten Symphonie, hinzutraten. Die sogenannten Kadenzen vor den Schlüssen den Ecksätzen der Klavierkonzerte nutzten die Solisten, die nicht selten auch die Komponisten der Werke waren, die sie spielten, zu freien Fantasien. Und Beethoven spielte, wenn er Mozart-Konzerte aufführte, seine eigenen Kadenzen zu den Werken seines großen Vorbilds – einige davon hat er für die Nachwelt sogar aufgeschrieben, sodaß Pianisten in unseren Tagen Mozarts d-Moll-Konzert mit Kadenzen von Beethoven aufführen können – und über dieser bequemen Möglichkeit das eigene Improvisieren verlernt haben. Nur wenige Interpreten wagen es heutzutage, selbst über die großen Vorlagen zu fantasieren und auf diese Weise nachschöpferisch tätig zu werden.

Was wir damit verloren haben, ist Thema eines Podcasts der Reihe „Klassik für Taktlose“, in der Katrin Nussmayr Fragen stellt, die der Sinkothekar zu beantworten versucht. Gedanken zu unserem Klassik-Leben aus neuer Perspektive…