Nach der bereits allseits gelobten und geliebten Aufnahme der »Matthäuspassion« und einer ebenso hoch gehandelten »Hohen Messe« legte Raphael Pichon mit der »Johannespassion« nun zum dritten Mal eine aufsehenerregende Wiedergabe eines großen Bachschen Chorwerks vor. Rechtzeitig zur Karwoche Anno 2026.
J. S. Bach: Johannespassion
Julian Prégardien (Evangelist)
Huw Montague Rendall (Jesus)
Ying Fang (Sopran)
Lucile Richardot (Alt)
Laurence Kilsby (Tenor)
Christian Immler (Baß)
Étienne Bazola (Baß)
Pygmalion – Raphaël Pichon
Und wie schon in den beiden vorangehenden Editionen darf man auch diesmal von einem gelungenen Experiment sprechen: Pichon und seinem Ensemble Pygmalion gelang erneut eine ebenso frische wie tiefschürfende Interpretation, die sich gegen die enorme Konkurrenz auf dem CD-Markt behaupten kann und sogleich einen Spitzenrang in der Diskographie einnimmt.
Das Werk (eingespielt wurde die meist verwendete Fassung von 1749) bedeutet Pichon viel – als Sänger hätte er die Aufführung dieser Passion als »Schlüsselerlebnis« empfunden. Sie ist wohl das dramatischste Stück, das Bach – der nie eine Oper schrieb – je komponiert hat. Und Pichon schöpft mit einem kongenialen Sängerensemble die Ausdrucksmöglichkeiten der Partitur voll aus; aufwühlend – nicht zuletzt dank der aggressiven Dissonanzballungen – zieht bereits der Eingangschor den Hörer in seinen Bann, mit allen Mitteln vokaler Erzählkunst modelliert Julien Prégardien die Bibelworte. Und der Chor, dem in diesem Fall besonders heftige Gemütsaufwallungen und haßerfüllte Protestschreie ebenso zugemutet werden wie tief bewegte, innige Betrachtungen treibt das Drama unerbittlich voran.
Die Passionsgeschichte erlebt man wie ein spannendes Hörspiel. Schwer vorstellbar, daß jemand hier vermag, zwischendrin einmal auf den Pausenknopf zu drücken.

