Über Wolfgang Rihm

Neue Musik macht ratlos

Frieder Reininghaus und sein Buch über Wolfgang Rihm.

Wolfgang Rihm wird 70. Dieses magische Datum für die sogenannte Neue Musik wirft seine Schatten voraus. Ein Buch über den Komponisten, das die langjährige „FAZ“-Kritikerin Eleonore Büning aus freundschaftlicher Perspektive erarbeitet, kommt demnächst heraus. Druckfrisch ist eine Rihm-Dokumentation aus der Feder des wortgewandten Frieder Reininghaus, der nicht dafür bekannt ist, dass er sich ein Blatt vor den Mund nimmt und Rihms bemerkenswerte Erfolgsgeschichte ins bunte, von heftigen Widersprüchen charakterisierte Umfeld der musikalischen Avantgarde-Szene Europas seit den 1970er-Jahren setzt.

Reininghaus hat die Interviews, Kritiken, Radiosendungen über den Komponisten durchforstet und nicht zuletzt Rihms eigene Reden und Aufsätze noch einmal gelesen. Das Kaleidoskop an Aussagen und Polemiken, das er zusammengesetzt hat, zeichnet ein adäquates Porträt eines Mannes, der schon als Jugendlicher gegen den Stachel des Zeitgeistes löckte und so zu einem Leuchtturm in der Brandung einer ästhetischen Revolution wurde, die den rigiden Ordnungen der Nachkriegs-Ära den Garaus machte.

Rihm kann man nicht mit Vorschriften kommen, auch nicht mit kulturpolitischen Phrasen, die es Rezensenten und Musikologen bis heute ermöglichen, sich über die schwierige Aufgabe, über Musik etwas auszusagen, hinwegzuschwindeln. Im Dialog mit Hans Heinrich Eggebrecht meinte Rihm einst: „Musik (Kunst) ist herrschaftslos.“ Das wiederum stellt Reininghaus „rundweg in Abrede“. Das ist vielleicht die beste Position, um sich einer widersprüchlichen Persönlichkeit zu nähern.

„Niemand nie nichts nachgemacht“

(Nietzsche)

Rihm selbst hatte schon früh auf der „Fachmesse“ für Neue Musik in Darmstadt reüssieren können, weil nach Theodor Adornos Jüngern dort Carl Dahlhaus die Macht übernommen hatte, der meinte, das Wort von der „engagierten Musik“ sei „ein Schlagwort, mit dem sich Gedankenlosigkeit drapiert.“ Ob ein Komponist irgendwo links oder gar rechts zu verorten wäre, interessierte Rihm noch weniger als ästhetische Doktrinen. Der „Süddeutschen Zeitung“ gestand er: „Wenn man Restriktionen nicht akzeptiert, dann verlieren sie automatisch ihre Bedeutung.“ Der so entstandene quasi luftleere Raum barg indes neue Probleme: „Jeder, der heute komponiert, erlebt die Abwesenheit einer allgemein gültigen Sprache als Zwang und Freiheit.“

Wie Kreativität in diesem Myzel gedeiht, hat Rihm vorgemacht, und als Lehrer gewusst, dass Kollegen an ihm nicht Maß nehmen durften. Er hat sie „beraten“ und kam damit weiter als die Ferienkurs-Dogmatiker mit ihren Reglements. Immerhin konnte ein Mann wie Jörg Widmann, „beraten“ von Rihm, zu Jörg Widmann werden, indem er, wie es scheint, eine völlig ungestörte Entwicklung durchmachte. Rihm hat auch, um seinen Favoriten Nietzsche zu zitieren, „niemand nie nichts nachgemacht“. Kritiker sprechen von der „Fingerfertigkeit“ des Komponisten wie von einem wendigen Pianisten. Da war einer, der viel konnte, dessen Musik sich aber nirgendwo einordnen ließ. Eben dieses Phänomen zu fassen, hat Frieder Reininghaus die gesammelten Ratlosigkeiten der Kommentatoren gesichtet. Dabei verbirgt er sympathischerweise seine eigene Ratlosigkeit nicht. Anders wäre er einem Wolfgang Rihm auch nicht beigekommen. ■

Frieder Reininghaus: Rihm. Der Repräsentative

220 S., kart., € 35 (Königshausen & Neumann, Würzburg)