Von dem großen Pianisten verabschiedeten sich am 29. April 2026 in der Feuerhalle Wien Simmering Mitglieder der Familie, Wegbegleiter, Studenten. Rudolf Bretschneider erinnerte an den Menschen und Freund Maisenberg, Gidon Kremer sandte aus Japan eine berührende Grußbotschaft mit einem Violinsolo. Eine Aufnahme des langsamen Satzes aus Schuberts B-Dur-Sonate aus einem Konzert Maisenbergs erinnerte an seine unvergleichliche pianistische Kunst.
Nun heißt es, die Archive zu durchforsten. Das Können dieses Interpreten läßt sich kaum an den wenigen Studioaufnahmen ermessen, die er gemacht hat. Mikrophone hat er gehaßt, unter Aufnahmebedingungen fühlte er sich nicht frei. Bleibt zu hoffen, daß von den diversen Rundfunkmitschnitten seiner Auftritte, die er zuweilen zugelassen hat, einige in den Archiven schlummern. Bis dato haben es nur wenige an die Öffentlichkeit geschafft, nicht zuletzt die CD-Box, die von der Wiener Konzerthausgesellschaft nach dem legendären Konzertzyklus Mitte der Neunzigerjahre herausgebracht wurde.

Ob diese Edition wieder aufgelegt wird, steht in den Sternen. Der Streamingdienst Spotify bietet die Aufnahmen auf seiner Plattform jedoch an – allerdings ist dieser Link nicht in allen Regionen freigeschaltet.
Zu bekommen sind die für die Deutsche Grammophon entstandenen Aufnahmen mit Gidon Kremer, die Maisenberg als Interpreten von Werken Schuberts, Liszts und Richard Strauss‘ hören lassen.



Ein Klavierkonzert
Greifbar ist auch eine CD mit Livemitschnitten des SWR, die 2023 erschienen ist und eine Aufführung des Grieg-Klavierkonzerts unter Adam Fischer mit Franz Schuberts »Wandererfantasie« koppelt, einem der besonderen Liebelingsstücke dieses Künstlers. Damit ist immerhin auch eines der zahllosen Klavierkonzerte dokumentiert, die Maisenberg in den Anfangsjahren seiner Karriere in Moskau immer wieder gespielt hat. Erst nach seiner Flucht aus der Sowjetunion hat er sein Solo-Repertoire konsequent ausgebaut.
Nach wie vor hörenswert: Das Dokument einer Tournee mit der 2012 verstorbenen Pianistin Brigitte Engerer, die allen Kompositionen Sergej Rachmaninows für zwei Klaviere gewidmet war und einige singuläre Momente harmonischen Duospiels einfängt.
Von den in früheren Jahren für Orfeo entstandenen Aufnahmen, die Maisenberg auch als Kammermusikpartner von Solisten wie dem Flötisten Aurèle Nicolet präsentieren, finden sich heute noch zwei Einzel-CDs, darunter selten gespielte Stücke von Darius Milhaud. Bei Orfeo erhältlich ist ist aber auch die einzige kommerziell produzierten Solo-CDs des Künstlers mit Werken von Schubert. Eine weitere, wichtige Platte, die unter andere Strawinskys »Stücke aus Petruschka« enthielt, ist mittlerweile gestrichen. Zumindest auf Streamingdiensten zu finden ist noch das »French Album« mit Klarinettistin Sabine Meyer (EMI) und ein Dokument der frühen Reisejahre an der Seite Gidon Kremers mit einem Livemitschnitt aus Prag von Maurice Ravels Violinsonate.



Raritäten
Mit Gidon Kremer hat sich Maisenberg immer auch für Raritäten aller Couleurs engagiert. Das hat sich auch in der Studioarbeit mit diesem Geiger niedergeschlagen, allerdings nicht auf dem Edellabel DG, sondern bei Warner (Filmmusik, Werke von Enescu) oder ECM (Musik von Kancheli).



Die Lockenhauser Jahre
Nicht vergessen sollte man die Bedeutung, die das burgenländische Festival in Lockenhaus für die Karriere Oleg Maisenbergs besaß. Dort hat er in entspannter Atmosphäre seine ersten Solo-Recitals geben können, vor allem aber Kammermusik mit Gleichgesinnten und jungen Ensembles – unter anderem dem damals aufsteigenden Hagen Quartett – gemacht. Die legendäre Philips-Edition von Livemitschnitten von dem Sommerfestival enthält daher auch einige Maisenberg-Raritäten, Schuberts »Winterreise« mit Robert Holl und Brahms‘ f-Moll-Quintett mit den Hagens. Aus dieser Serie dürften einige Aufnahmen in die ECM-Edition »Kammermusik aus Lockenhaus« eingegliedert worden sein. Streamingdienste (unter anderem Quobuz) bieten die Aufnahmen auf ihren Plattformen.




Mit einer Aufführung von Brahms‘ d-Moll-Klavierkonzert feierte der Pianist Ende der Neunzigerjahre nach seinem schweren Unfall ein viel beachtetes und umjubeltes Comeback.
2001
2013



