Wie das internationale Opern-System versagt: Ein Sänger packt aus…

Auf dem Onlineportal Operawire hat der Baßist Andrew Potter einen Offenen Brief veröffentlicht, der auf die Mißstände im internationalen Opernbetrieb verweist und verzweifelt Alarm schlägt. Der gesamte Brief ist hier abrufbar. In Auszügen geben wir hier, sinngemäß übersetzt, den Inhalt des Schreibens wieder, mit dem sich der Künstler von seinem Beruf – schweren Herzens – verabschiedet.

Warum ich die Opernbühne verlasse

Ich bin 43. Meine Stimme steht auf ihrem Höhepunkt. Ich bin ein echter Baß – ein Stimmfach, das oft Jahrzehnte braucht, um vollständig auszureifen. Die Tiefe musste sich über Jahre entwickeln, die Höhe erarbeitet und abgesichert werden. Meine Karriere führte mich auf bedeutende amerikanische Bühnen bis hin zur Metropolitan Opera.

Jetzt ziehe ich mich von der szenischen Oper zurück.

Nicht, weil die Stimme versagt hätte oder meine Liebe zur Oper erloschen wäre. Ich gehe, weil das wirtschaftliche System des amerikanischen Opernbetriebs für Sänger wie mich nicht mehr funktioniert.

Gagen wie vor Jahrzehnten

Was das Publikum kaum weiß: Die Gagen amerikanischer Opernsänger haben sich seit Jahrzehnten wenig verändert. Manche meiner heutigen Verträge sind nominell schlechter dotiert als jene, von denen meine Lehrer aus den 1980er-Jahren berichteten.

Nur sind die Kosten seither dramatisch gestiegen: Flüge, Gesangsunterricht, Coachings, Krankenversicherung und vor allem die Unterkunft am jeweiligen Engagementort.

Denn aus der Gage bezahlen Sänger vielfach auch die Kosten dafür, überhaupt auftreten zu können: Anreise, fünf oder sechs Wochen Unterkunft während der Proben, Agenturprovisionen, Steuern und Vorbereitung. Die Gage eines freischaffenden Solisten ist kein Gehalt, sondern der Bruttoumsatz eines kleinen Ein-Personen-Unternehmens.

Sechzehn Jahre lang habe ich diese Rechnung gemacht. Sie ist nie aufgegangen.

An der Met gesungen – nichts verdient

Nach einer Rückenoperation erhielt ich im vergangenen Jahr mein erstes Engagement als Cover an der Metropolitan Opera: Timur in Puccinis Turandot. … Die von uns gemietete Wohnung existierte nich – wir waren Betrügern aufgesessen. Weil die Met von ihren Sängern verlangt, ihre Unterkunft selbst zu finanzieren, mussten wir kurzfristig Hotels und Wohnungen auf Zeit finden. Eines der Hotels verließen wir nach Bettwanzenstichen mitten in der Nacht.

Am Ende hatte die Unterbringung fast meine gesamte Gage verschlungen. Den Rest kosteten Essen und Verkehr in New York.

Ich hatte an der Metropolitan Opera gesungen – und kam finanziell mit nichts nach Hause.

Das Problem war nicht die betrügerische Wohnungsanzeige. Das Problem ist das System dahinter. Lässt ein Sänger seine Familie zu Hause, erlebt er seine Kinder über FaceTime. Nimmt er sie mit, können die Kosten des Engagements die Gage verschlingen.

Selbst Stars rechnen nach

Dass dies kein Problem unbekannter Sänger ist, zeigt Jonas Kaufmann. Einer der international gefragtesten Tenöre erklärte, nicht mehr an die Met und nach Covent Garden zurückkehren zu wollen. Im Fall Londons verwies er ausdrücklich auf das Missverhältnis zwischen Gagen und Wohnkosten…. Wenn selbst ein Sänger dieser Kategorie feststellt, dass ein Engagement an einem der berühmtesten Opernhäuser der Welt wirtschaftlich nicht mehr sinnvoll ist, sollte die Branche aufmerksam werden.

Dabei befindet sich auch die Metropolitan Opera selbst in einer schwierigen Lage. Moody’s stufte ihre Kreditwürdigkeit weiter herab und verwies auf ein strukturelles Defizit und erhebliche Entnahmen aus dem Stiftungsvermögen. Eine geplante Finanzierung aus Saudi-Arabien fiel ebenfalls aus.

Doch wenn die Antwort auf finanzielle Probleme darin besteht, Kosten auf jene Künstler abzuwälzen, ohne die keine Vorstellung stattfinden kann, geht es nicht mehr allein um Budgetfragen. Es geht um die Prioritäten eines Systems.

Eine Berufung ist kein Honorar

Die Met ist kein Einzelfall. Die amerikanische Opernlandschaft schrumpft seit Jahren. Häuser haben geschlossen, die Zahl der Vorstellungen ist zurückgegangen. Und immer wieder wird versucht, Einsparungen bei jenen durchzusetzen, die im System die geringste Verhandlungsmacht besitzen: den Künstlern.

Eine Berufung ist kein Honorar. Prestige bezahlt weder Miete noch Hypothek. Und es ersetzt nicht die Zeit mit den eigenen Kindern. Chorsänger, Comprimarii, junge Sänger in Ausbildungsprogrammen und Solisten, die Reise und Unterkunft aus der eigenen Gage bezahlen: Sie haben die Oper nicht im Stich gelassen. Ein System, das von seinen Künstlern verlangt, ihre Arbeit teilweise selbst zu subventionieren, lässt vielmehr sie im Stich.

Künftig werde ich in einem Unternehmen arbeiten, das die Abwärme von Rechenzentren für Gewächshäuser nutzt und damit Lebensmittel für die umliegenden Gemeinden produziert.

Was sich ändern muss

Ich bin nur ein Baßist, der geht. Wichtiger sind die Tausenden Sänger, die bleiben – und die jungen Menschen, die diesen Beruf erst ergreifen wollen.

Opernhäuser müssen Künstler zu heutigen Lebenshaltungskosten bezahlen. Reise und Unterkunft sollten Bestandteil eines Engagements sein und nicht aus der Gage finanziert werden müssen. Proben- und Vorstellungspläne müssen berücksichtigen, dass Künstler Familien haben. Und Prestige darf nicht länger als Ersatz für angemessene Bezahlung gelten.

Die Oper leidet nicht daran, dass ihre Kunst bedeutungslos geworden wäre. Sie gefährdet sich vielmehr durch ein Wirtschaftsmodell, das von der Hingabe seiner Künstler lebt und diese Hingabe zugleich ökonomisch ausnutzt.