Humperdincks »Mirakel« als CD-Premiere

Die Schauspielmusik zu Max Reinhardts Riesenspektakel von 1911 – erstmals auf CD. Aufarbeitung eines bemerkenswerten Moments der deutschen Theatergeschichte.

Im Zuge einer Berliner Rundfunk-Serie von Aufnahmen von Werken des »Hänsel und Gretel«-Komponisten Engelbert Humperdinck auf dem Label Capriccio erschien als Ersteinspielung die komplette Bühnenmusik zu Max Reinhardts legendärem, für eine Zirkusarena geschaffenem Spektakel »Das Mirakel«. Die Produktion kam 1911 in Berlin heraus und ging dann auf Tournee. Reinhardt bewegte Massen auf der Szene, Karl Vollmöllers Szenarium kam ohne Text aus – die Klänge zu der gigantomanischen Pantomime schuf Engelbert Humperdinck, der seinen an der nachwagnerisch-romantischen Märchenoper geschulten Stil unter Einbindung von religiösen Gesängen und Kinderliedern der bunten Theaterästhetik Reinhardts kongenial anpaßte. Die Zeitgenossen waren fasziniert, die Rezensenten amüsiert. Es fehlte nicht an zynischen Kommentaren. Die Wiener »Bombe« ätzte nach der Erstaufführung in der Rotunde auf dem Gelände des Wiener Praters:

»Die Bombe«, September 1912

»Das Mirakel« im Spiegel der Kritik

Der Rezensent des Wiener »Morgen« faßte die Stellung, die dieser im Grunde auf einer Erzählung Gottfried Kellers basierenden Produktion in Max Reinhardts – in der Berliner Zeit gewandelten – Theaterschaffen zukam und ihre spontane Wirkung zusammen:

Reinhardt … ließ sich ganz von dem neuen Geist des Berlinertums fortreißen, der unter­ dessen das ganze Leben Deutschlands ergriffen hatte, unter seinen Händen geriet auch die Kunst in den Massenbetrieb des Warenhauses. Wie in den großen Restaurants Deutschlands, sollten nun die Menschen auch gemeinsam mit Durchschnitts­kunst abgespeist werden. Tausend Statisten oder tausend Kellner, fünftausend Zuschauer oder fünftausend Hungrige, Austern oder Sophokles, Weißbier oder Vollmoeller, die Unterschiede ver­schwinden. Theater und Zirkus, beide hatten bisher ihre Be­rechtigung, ihr Publikum. Warum man aber im Theater Zirkus­kunststücke machen, warum man im Zirkus Theater spielen muß.

DIE WIENER PREMIERE

Das ist nicht recht einzusehen, davon hat auch das »Mirakel» in der Rotunde nicht überzeugen können. Mit Kunst hat das doch ebenso wenig zu tun, wie die gute alle Wasserpantomime im Zirkus, die sich doch wenigstens ehrlich als Ausstattungsnummer bekennt. Karl Vollmoeller hat Reinhardt für sein neuestes Schaustück den Stoff zurechtgeschnitten. Aus der alten Marien­ legende, die in der schlichten, von sonnigem Humor erwärmten Erzählung Gottfried Kellers lauterste Poesie ist, wird hier zum Spektakelstück mit Aufzügen, Volksszenen, Moritaten und Balletteinlagen. Der zarte Duft der Legende ist verflogen, grob­ sinnliche Effekte sollen die Schaulust befriedigen. Farbenreiche Kostüme und wild durcheinander laufende Menschen, erleuchtete Kirchenfenster, Glühlampen und Scheinwerfer, gellende Schreie, Kirchenglocken und dumpf murmelnde Kontrabässe bemühen sich,
Stimmung zu machen, die Wirkung aber bleibt aus. Eine große
Menschenmenge wirkt eben nur als spontan handelndes Indi­viduum bei wirklichen Volkskundgebungen, nicht als Schar ge­drillter Statisten, die Aufzüge sieht man bei jeder Fronleichnamsprozession echter und in ihrer Echtheit eindrucksvoller, die Verwendung liturgischer Gebete und Gesänge im Zirkus emp­findet man als deplaciert und manche Szenen im Zwischenspiel sind lächerlich und kindisch. Man wird bald ärgerlich und müde.
Schade um die nicht besonders tiefe, aber anmutige und charakteristische Musik von Engelbert Humperdinck, deren Fein­heiten in dem großen Raume nicht ganz zur Geltung kommen können.

»Der Blaue Vogel«

»Der blaue Vogel«

Die CD-Edition ist eine Fortsetzung der Reihe, die mit der Musik zu »Der blaue Vogel« begann, ebenfalls von Humperdinck für Max Reinhardt komponiert und – anders als »Hänsel und Gretel« – durchaus als Stück für Kinder gedacht. Allerdings meinte die Kritik damals (Anfang 1913), dieser »Vogel«, gedichtet vom Symbolisten Maurice Maeterlinck sei für die Jugend doch deutlich zu anspruchsvoll:

»Der blaue Vogel« im Deutschen Theater den Kindern eine besondere Ueberraschlmg bereiten. Man propagiert »die Kunst im Leben des Kindes«. Darum durfte es nur Maeterlinck sein, der als Dichter vor die Jugend Berlins trat. Nun haben die Jöhren der Reichshauptstadt das Werk eines wirklichen Poeten und die Musik eines Komponisten von reichem Talent (Engelbert Humperdinck) kennengelernt, aber ich befürchte, daß sie sich in ihren bisherigen literarischen Neigungen nicht werden stören lassen und des seligen Görners »Aschenbrödel« und »Hänsel und Gretel« nach wie vor dem Dichterwerk des bedeutsamen Bienenzüchters vorziehen werden.
„Der blaue Vogel“ ist ja für das Begriffsvermögen eines Kindes (in seinem wesent­ ichen Inhalt) recht hübsch ausgedacht, aber seine Sprache ist zu hoffähig, zu „wohledel“, um von den Jungen und Mädeln, die mehr für derbe Kost schwärmen, als für blasse Poesie, entsprechend gewürdigt zu werden. Die Kinder werden sich den Teufel um all die Symbole kümmern, die von der Muse Maeterlincks untrennbar sind und die er natürlich auch in diesem Märchenspiel in ge­schlossenen Reihen als Nebenpersonen anmarschieren läßt.