Die Streamingplattform Spotify hat Anno 2022 Schlagzeilen gemacht, weil der Pop-Star Neil Young verbieten ließ, dass seine Musik über die Plattform abgerufen werden konnte. Den in jeder Hinsicht unbeteiligten Klassik-Freund hat daran nicht unbedingt interessiert, was Neil Young so erbost hat. Er dachte eher über die Tragweite eines solchen Boykotts nach – und stellte Vergleiche an, die ihn über Umwege doch wieder zu Mozart führten.
Wer auf Spotify bestimmte Künstler sucht, erfährt auch, wie viele Hörer ihnen Monat für Monat lauschen. Im Fall Neil Youngs waren es zum Zeitpunkt des Boykott-Beginns 5.704.132. Das war auch angesichts von offiziell dokumentierten etwas über 400 Millionen Nutzern des Dienstes keine Kleinigkeit.
Neugierig geworden, fragte man nun aber nach dem Stellenwert, den die Klassik im imposanten musikalischen Digiversum von mehr als 70 Millionen „Songs“, wie das in den Listen schön heißt, einnimmt. Wobei die „Götterdämmerung“ beispielsweise aus 48 Songs besteht, was uns aber nicht weiter- hilft. Die Momentaufnahme vom Februar 2022 lautete folgendermaßen:
Wo hätten Sie begonnen, um einen Vergleichswert zu Neil Young zu finden? Ich habe den Namen Karajan eingetippt, womit ich, wie sich Hunderte Klicks später herausstellen sollte, nicht ganz falsch lag. Also? Karajan, 1989 verstorben, aber als Kultfigur der Schallplattengeschichte mit einer erklecklichen Anzahl von „Songs“ auf Spotify vertreten, bringt es pro Monat auf fast 2,9 Millionen Zugriffe. Ganz so tief ducken müssen wir Klassikhörer uns also doch nicht.
Pavarotti, der doppelte Domingo
Bei dieserart angestacheltem Ehrgeiz tippt man die Namen seiner Lieben ein und staunt nicht schlecht, dass zum Beispiel Carlos Kleiber, als Song-Produzent weitaus weniger fleißig als Karajan, es auf etwa eine Million monatlicher Zugriffe bringt. So ganz falsch sind unsere Qualitätsbarometer offenbar doch nicht geeicht. Von den Altvordern, deren Glorienschein noch hell strahlt, schafft Maria Callas auch noch 519.000 Klicks. Und Anna? Das habe ich mich auch gefragt, wo die Netrebko im Vergleich dazu landet. Die heute meistum- und wohl auch -beworbene Opern-Primadonna provoziert an die 400.000 Zugriffe monatlich. Maria vor Anna! So eine Internet-Musikplattform ist doch irgendwie auch ein Museum.
In diesem Sinne bietet ein Blick auf die männlichen Pendants der großen Sängerinnen ein bemerkenswertes Abbild von Popularitätswerten, die nicht nur etwas mit der künstlerischen Leistung zu tun haben müssen. Luciano Pavarotti etwa ist und bleibt jener „Big P“, zu dem ihn die Werbung schon in den Siebzigerjahren stilisiert hat: 2,6 Millionen gegen die 1,3 des zwar in Baritonregionen abgerutschten, aber immer noch aktiven Placido Domingo. Und obwohl wir immer schon gewusst haben, dass mit der Gewichtsverteilung bei den „drei Tenören“ nicht alles gerecht zuging: Nein, nach José Carreras hätten Sie jetzt nicht fragen sollen, der erreicht lediglich 376.000 Spotify-Punkte.
Nicht jeder Werbeslogan wirkt. Aber die PR-Agenturen und das Selbstmanagement der jungen Generation tun gewiss einiges dazu, dass Zugriffszahlen bei Internet-Diensten in die Höhe schnellen. Die Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung im Koordinatensystem der Klassik-Liebhaber und der im weltweiten Digital-Business mag man daran ablesen, dass von den Dirigenten der jüngeren Generation am ehesten ein Mann wie Yannick Nézet-Séguin mit seinen 700.000 Zugriffen an den olympischen Werten der großen Alten kratzt. Zum Vergleich: Christian Thielemann, im Gegensatz zu Nézet fast gar nicht auf Ego-Trip in Social-Media-Kanälen, schafft etwa 123.000, Franz Welser-Möst 18.400, Philippe Jordan 15.800. Apropos Social-Media-Aktivitäten: Igor Levit landet aktuell bei 0,7 Millionen Zugriffen, Daniil Trifonov bei 1,2 – das ist aber alles nichts gegen Lang Lang, der 3,4 Millionen schafft. Also: Gute Musik zu machen, ist nicht alles. Die „Playlists“ der „Influencer“ beleben auch ganz andere Faktoren.

Was, werden Sie nun fragen, ist mit den Komponisten? Da interessierte mich der Vergleich zu den Aufführungsstatistiken im realen Musikleben, die allerdings nur für die Oper greifbar sind. Die Rangliste der meistgespielten Titel im globalen Musiktheater ist seit Langem ziemlich gleich geblieben: Die „Zauberflöte“ führt vor „Carmen“, „Traviata“ und „Rigoletto“. Figaro erscheint in beiderlei Gestalt (Mozart und Rossini), flankiert von „Boheme“ und „Tosca“, umflattert von der „Fledermaus“. Das wär’s. Ach ja, die Komponisten: Wagner rittert mit Bizet und Donizetti um Platz fünf (nach Mozart, Verdi, Puccini, Rossini), Tschaikowsky kämpft knapp dahinter mit Offenbach und Strauß – Johann natürlich, Richard hat keine Chance, unter die ersten zehn zu kommen!
Was das Konzertleben betrifft, verrät wiederum Spotify: Beethoven schafft 6,5 Millionen, Mozart 6,2. Sie liegen also beide über Neil Young. Das ist fein. Aber Joseph Haydn, immerhin kennen wir ja drei Wiener Klassiker, liegt immer knapp unter der Millionengrenze. Gefühlsmäßig schafft er damit im Internet mehr, als ihm unsere Konzertveranstalter zugestehen. Das wäre ja schon wieder ein Plädoyer für die Digitalisierung.