Karl Amadeus Hartmann

(1905 - 1963)

Karl Amadeus Hartmann, Deutschlands bedeutendster Symphoniker der Ära nach 1945, kam als jüngster Sohn eines Münchner Lehrers und Malers in München zur Welt. Er begann unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg ebenfalls an der Lehrer-Akademie zu studieren, brach diese Ausbildung aber nach drei Jahren zugunsten der Musik ab. Er immatrikulierte sich 1924 an der Münchner Musik-Akademie, studierte Posaune und(bei Joseph Haas) Komposition.

Seine ersten Werke standen unter dem Einfluß des Dadismus und des damals in Europa als letzter Schrei geltenden Jazz.


Erste Aufführungen

Erste Aufführungen arrangierte sich Hartmann mit Gleichgesinnten selbst. Man gründete den Verein »Die Juryfreien e.V.« und gab in dessen Konzerten 1931 die Uraufführung der Tanzsuite für Bläserquintett und der Burlesken Musik für Bläser, Schlagzeug und Klavier, sowie 1932 die Klaviersonate Nr. 1 und das Kleine Konzert für Streichquartett und Schlagzeug, sowie die Sonatine für Klavier und die Toccata variata.

Der Komponist hat die meisten Werke seiner frühesten Phase vernichtet. Unter dem Einfluß des Dirigenten Hermann Scherchen, der auch das Libretto zu Hartmanns durchaus systemkritischer Grimmelshausen-Oper Des Simplicius Simplicissimus Jugend verfaßte, beschäftigte sich Hartmann seit 1929 mit den avancierteren Kompositionstechniken der Wiener Schule und fand damit bald den Weg, den er künftig gehen wollte.


Innere Emigration

Schon auf Grund dieser Orientierung war Hartmann für Kulturpolitik des »Dritten Reichs« nicht tragbar. Wiewohl zwangsläufig Mitglied der Reichsmusikkammer, ging er nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in die »innere Emigration« und versuchte gar nicht, seine Werke im Musikleben Deutschlands unterzubringen. Lediglich eine Schauspielmusik zu Shakespeares Macbeth kam in jenen Jahren zur Aufführung.

Jene Werke, die nach 1933 im Ausland zur Aufführung kamen, tragen deutliche den Stempel des Protests. So kam 1935 auf dem IGNM-Fest in Prag unter Hermann Scherchens Leitung das Orchesterwerk Miserae zur Uraufführung, gewidmet

Meinen Freunden, die hundertfach sterben mußten, die für die Ewigkeit schlafen, wir vergessen Euch nicht.

(Dachau 1933/34)

Die für Ende Mai 1940 geplante Rundfunk-Uraufführung des Simplicius durch den Brüsseler Sender wurde angesichts des Beginns des »West-Feldzugs« der deutschen Wehrmacht am 10. Mai 1940 von der Rundfunkanstalt abgesagt. Man befürchtete angesichts der impliziten Aufrufe zu politischeb Umsturz in diesem Werk Konsequenzen von Seiten Deutschlands.

Studien bei Webern

In diesen Jahren absolvierte Hartmann Privatstunden bei Anton von Webern und komponierte Werke wie die I. Symphonie und das Concerto funèbre, die alle zunächst unaufgeführt blieben. Webern war einer der Juroren der Emil-Hertzka-Gedächtnisstifung, die Hartmanns Chor-Kantate Friede Anno 48 (nach Andreas Gryphius) 1937 mit einem Preis auszeichnete.

Mit dem I. Streichquartett gewann Hartmann aber 1935 den Genfer Carillon-Wettbewerb, weshalb das Werk als »Carillon-Quartett« Eingang in den Werkkatalog fand. Eine zweite Aufführung nach dem Wettbewerb fand 1938 auf dem IGNM-Fest in London statt. Im Programmheft stand zu lesen:

Karl Amadeus Hartmann
(Germany, Independent)

Aus Angst vor einer Hausdurchsuchung durch die NS-Behörden und möglichen Kriegsschäden verstaut Hartmann seine Partituren in einer Zink-Kiste, die im Garten eines befreundeten Pfarrers in Murnau vergräbt.

Sonate »27. April 1945«

Ein zweites Streichquartett schrieb Hartmann 1946. Zuvor entstand noch die Die Klaviersonate 27. April 1945 als ummittelbar Reaktion auf die Begegnung mit einem Zug von Häftlingen, der wenige Tage vor der Kapitulation Hitler-Deutschlands aus dem Lager Dachau getrieben wurde.


»Musica viva«

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs arbeitete Hartmann in der Dramaturgie der Bayerischen Staatsoper und brachte seine Kompositionen aus den Kriegsjahren in überarbeiteten Versionen heraus.

Als musiktheatralischer Versuch der Vergangenheitsbewältigung kommt es 1948 (unter Hermann Scherchen) endlich zur konzertanten Uraufführung und Rundfunksendung der Kammeroper Simplicius Simplicissimus, die Hartmann zehn Jahre später noch einmal überarbeitet und für großes Orchester instrumentiert. Die Neufassung wird 1957 in Mannheim uraufgeführt.

Den Versuch der kommunistischen Machthaber in der DDR, ihn für politische Propagandazwecke zu vereinnahmen, schlug Hartmann aus - er blieb in der BRD und suchte sogar Anschluß an jene Komponistenkollegen, die während der NS-Zeit aktiv geblieben waren.

Als Plattform für Neue Musik gründete er mit Mitteln des Bayerischen Rundfunks die Konzertreihe Musica Viva, die zu einer dauerhaften Einrichtung werden sollte.

Unter Hartmanns Führung wurde die Reihe zunächst ein Forum für die vor 1945 in Deutschland verfemte Musik der Moderne, allen voran Bartók, Strawinsky und der Schönberg-Schule, bald aber auch für Werke der jüngeren Zeitgenossen, darunter Henze, Nono, Dallapiccola, Xenakis, Messiaen, Berio, Bernd Alois Zimmermann, aber auch Carl Orff. Künstler wie Cocteau, Le Corbusier oder Miró präsentierten ihre Werke in Ausstellungen rund um die Aktivitäten der »Musica Viva«.

Dank der organisatorischen Tätigkeiten reduzierte sich Hartmanns Zeit für das Komponieren erheblich, zumal er auch etliche gehaltvolle Artikel zu kulturellen Zeitthemen publizierte. Die letzten Lebensjahren waren zudem von ernsthaften Erkrenkungen und langen Spitalsaufenthalten dominiert. Hartmann starb 1963 an Krebs. Sein letztes Werk, die apokalyptische »Gesangsszene« für Bariton und Orchester zu Worten aus »Sodom und Gomorrha« blieb unvollendet. Das Fragment erschien posthum im Druck.


Stil

Hartmanns unverwechselbare Klangsprache gehörte dem musikalischen Expressionismus an. Jüngere Komponisten, allen voran Hans Werner Henze, konnten sich als Symphoniker - zeitlich zum Teil parallel zu Hartmanns eigener symphonischer Produktion - an seinen stilistischen Vorgaben orientieren.

→ Hartmanns Symphonien

Jenseits der numerierten Symphonien finden sich in Hartmanns Œuvre-Katalog Werke, die im weiteren Sinne zur selben Gattung gezählt werden können, darunter die

Symphonischen Hymnen (1943)

und der

Klagegesang (1944/45).

Auch das

Concerto funebre (1939 als Musik der Trauer konzipiert und 1959 leicht überarbeitet)

gehört hierher.





↑DA CAPO