Gwendoline

Emanuel Chabrier (1889)

Der Opernbetrieb hat die französischen »Wagnerianer« ausgeklammert. Ob César Francks Hulda, Ernest Reyers Sigurd, eine Chance auf Wiederbelebung erhalten werden, steht in den Sternen, Ernest Chaussons Le Roi Arthus hat immerhin die eine oder andere zumindest konzertante Neueinstudierung erlebt. Eine Kandidatin für eine Wiederbeschäftigung wäre jedenfalls auch Emanuel Chabriers Gwendoline, eine typische Vertretern ihrer Gattung - voll von Klängen, die ein halbes Jahrhundert später von der Filmmusik-Industrie geplündert wurden, aber zu ihrer Zeit als absolut innovativ gelten durften.

Immerhin verwies der Rezensent der »Musical Times« anläßlich des Erstversuchs mit Gwendoline in London darauf, daß Chabrier immer dort Stärken ausspiele, wo er auf seine Wagnerismen verzichtet. Dann sei seine Musik so genuin »französisch« wie die keines seiner Zeitgenossen.

Die Musikwissenschaft leugnet nicht mehr, daß von Chabrier Anregungen für Debussy (durchaus in Pelléas et Mélisand festzumachen) aber auch für Satie oder Poulenc ausgegangen sind.

Schon daß Cosima Wagner geradezu wütend auf Chabriers Musik reagierte, nachdem sie ihn immerhin einmal auch in Bayreuth musizieren hatte lassen, sollte hellhörig machen. Was die Wagner-Witwe so egriert, scheint doch zumindest wert, kontrolliert zu werden . . .



→ mehr dazu

Die Handlung

Ein Dorf in Sachsen. Gwendoline, die Tochter des Häuptlings Armel, wird von Visionen geplagt. Während sie die Frauen eines herrlichen mogens zur Feldarbeit ruft, gesteht sie ihrem Vater, im Traum gesehen zu haben, wie die Dänen verheerend in ihr Land einfielen. Armel spricht ihr Mut zu: Sein Bott sei stark und wendig. Die Mädchen singen ein Lied, um Gwendoline zu besänftigen.

Doch der Alptraum bewahrheitet sich: Die Dänen nähern sich der Küste. Während die Sachsen zu flüchten versuchen, umzigeln sie triumphiertend das Dorf. Harald, Anführer der Invasoren, will Armel zwingen, sich zu unterwerfen und den Dorfschatz zu übergeben. Als Gwendoline erscheint, im ihren Vater zu unterstützen, ist Harald wird geblendet von ihrer Schönheit und ihrem Mut. In einem Zwiegespräch versucht er das Mädchen für sich zu gewinnen und entschuldigt sich für die Rohheit seiner Krieger. Gwendoline gelobt, ihm anzugehören, wenn er die Ihren verschont.
Armel geht auf den Handel ein - plant aber Verrat. Sobald die Dänen beim Hochzeitsmahl betrunken gemacht wurde, will er sie überfallen. Gwendoline, die der Vater zwingen will, Harald zu erdolchen, ringt mit sich. In einem leidenschaftlichen Duett versucht sie Harald zu warnen, doch da greifen die Sachsen bereits die dänischen Boote an, um den Feinden den Rückweg abzuschneiden. Als Harald im Kampf verwundet wird, ersticht sich Gwendoline selbst mit dem Dolch ihres Vaters und stirbt in Haralds Armen. Der Chor preist das ritterliche Verhalten des Paars.

Aufnahmen

Die bisher einzige CD-Aufnahme der Oper ist längst aus dem Katalog gestrichen. Doch immerhin kursiert ein (technisch freilich problematischer) Livemitschnitt einer Aufführung mit Rosalind Plowright in der Titelpartie (San Diego, 1982) im Netz.

Die Ouverture hat Sir Thomas Beecham aufgenommen, eine exzellente, stürmisch bewegte Einspielung (EMI/Warner), die Chabriers leidenschaftlicher Musik voll gerecht wird. Die Ouverture ist auch auf John Eliot Gardiners → Chabrier-Album mit den Wiener Philharmonikern (DG) zu hören.


↑DA CAPO