1889 - 1953

Der führende Interpret von Wagners Wotan und Hans Sachs in den Dreißigerjahren des XX. Jahrhunderts war Friedrich Schorr. Da waren sich alle Kommentatoren einig - nur die Nationalsozialisten waren anderer Ansicht. Denn Schorr war Jude.
Als Sohn des Kantors Mayer Schorr war er in Großwardein, dem heute in Rumänien liegenden Oradea zur Welt gekommen und als Kleinkind mit der Familie nach Wien übersiedelt, wo der Vater zum Oberkantor der jüdischen Gemeinde gekürt worden war.

Die wichtigste Premiere des jungen Sängers war jene der Walküre in Graz, wo der 23jährige erstmals den Wotan sag.
Gustav Mahler entdeckte als Wiener Operndirektor die - damals wohl noch nicht so satt und dunkel timbrierte - Baritonstimmte Schorrs, die über eine exzellente und sichere Höhe verfügte und riet ihm, sich ans Helentenorfach zu wagen, ein Angebot, das der Sänger glücklicherweise ausschlug.

Köln (unter Otto Klemperer) und Berlin (unter Erich Kleiber und Fritz Stiedry) wurden zu Schorrs wichtigsten Stationen. Mit der German Opera Company unter Leo Blechs Leitung reiste er 1923 dann in die Vereinigten Staaten. Das Gastspiel wurde zum entscheidenden Wendepunkt in Schorrs Karriere: Der Intendant der Metropolitan Opera engagierte ihn vom Fleck weg nach New York, wo Schorr 1924 an der Seite von Maria Jeritza als Wolfram im Tannhäuser debütierte. In der Folge war er vor allem als Wotan und Hans Sachs aus dem Ensemble des Hauses nicht mehr wegzudenken. Sein Sachs-Debüt beschwor euphorische Reaktionen herauf, der Rezensent der New York Tribune schrieb:
Seine Stimme ist von außergewöhnlicher Schönheit und er singt wie ein Musiker...
Bei den Bayreuther Festspielen unter der Leitung von Cosima und Siegfried Wagners sang Schorr viele Jahre lang die Wotan-Partien. Als Sachs haben ihn die Wagners allerdings nie eingesetzt. Doch war das jene Partie, die er nach übereinstimmenden Aussagen aller Zeitgenossen am tiefsten und wahrhaftigsten gestaltete. Hymnische Kritiken erntete er für die Aufführungsserie am Londoner Covent Garden unter Bruno Walter - doch reichte der Arm der Nationalsozialisten vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs sogar bis nach Großbritannien: Schorr wurde ab 1934 nicht mehr nach London eingeladen.

Daß Arturo Toscanini nicht ihn, sondern Hans Hermann Nissen für seine legendären Salzburger Meistersinger engagierte lag lediglich an der Weigerung des Sängers, die Proben voll auszusingen. Dabei wäre ihm das vermutlich leichter gefallen als allen anderen, denn er sang stets geradezu mit Italianità, jedenfalls kantabel und bei exzellenter Artikulation stets zuallererst auf die Phrasierung bedacht. Die Vereinigung der vokalen Tugenden mit dem Erfassung des Sinngehalts der Texte machte seine Interpretationen zu Ereignissen. Der Fliedermonolog des Hans Sachs ist vermutlich nie wieder so vollkommen aufgenommen worden.


Friedrich Schorr - London Symphony, Albert Coates





 . . . .


↑DA CAPO