Bernard Haitink

1929-2021

Ein Partner der großen Orchestern

Nachruf Bernard Haitink. Der niederländische Dirigent hatte keine Starallüren, trat immer bescheiden und besonnen auf - und war doch einer der meistbeschäftigten seiner Zunft. Nun ist er mit 92 Jahren gestorben. In vielfach preisgekrönten Tonträger-Serien lebt er weiter.
»Die Presse«, 23. Oktober 2021

Am Pult der Wiener Philharmoniker war er häufig zu Gast, er bekleidete führende Positionen in der Londoner Covent Garden Opera, beim Glyndebourne Festival und beim London Philharmonic Orchestra. Vor allem aber verband die Musikwelt den Namen des niederländischen Dirigenten Bernard Haitink mit dem Amsterdamer Concertgebouw Orchester, dessen Chefdirigent er fast drei Jahrzehnte lang war. Dank der Verbindung dieses Ensembles zum Label Philips wurde Haitink einer der meistbeschäftigten Dirigenten in den Schallplattenstudios und in der Folge zu einem gesuchten Gast bei den großen Symphonieorchestern der Welt.

Ein Mann, der zuhören konnte

Dass er solchen Ruhm nicht ehrgeizig gesucht hatte, ließ der stets bescheiden auftretende Künstler nie vergessen. Zwar hatte er ein Kapellmeisterstudium absolviert, doch begann er seine Karriere als Geiger im Niederländischen Rundfunkorchester. Haitink nutzte seine Chance, als 1955 die Position eines "Zweiten Dirigenten" beim Orchester der "Niederländischen Radio-Union" vakant wurde. So verdiente er sich erste Sporen, um wenig später in Amsterdam ein schweres Erbe anzutreten. Er war 31 Jahre alt, als man ihm die Nachfolge so bedeutender Dirigenten wie Willem Mengelberg und Eduard van Beinum beim Concertgebouw Orchester anbot. Hatinik übernahm damals ein perfekt geschultes Orchester, dessen Klangtradition weltweit gerühmt wurde.

Er agierte klug und versuchte nichts in jugendlichem Überschwang gegen den Strich zu bürsten. Vielmehr nahm er von den Musikern an, was diese ihm entgegenbrachten, und entwickelte sich zu einem besonnenen, handwerklich beeindruckend sicheren Dirigenten. Womit er Musikern in aller Welt zu einem sympathischen Partner am Pult wurde - ein Gegenbild zu den gewohnten "Pultvirtuosen", ein Epitheton, das man auf diesen Dirigenten nie gemünzt hätte.

Das Konzertrepertoire, das er sich in Amsterdam erarbeiten konnte, war immens. Wobei Komponisten wie Bruckner und Mahler, aber auch die Musik der französischen Impressionisten im Zentrum seines Wirkens standen, was sich auch in vielfach preisgekrönten Schallplatten-Serien niedergeschlagen hat. Späte Liebe zur Oper Am Pult der Wiener Philharmoniker hatte Haitink 1972 debütiert und danach mehr als 100 Konzerte des Orchesters dirigiert. Zuletzt, vor seinem Rückzug von den internationalen Podien rund um seinen 90. Geburtstag, gab es viel beachtete Aufführungen von Mahlers Neunter und Anton Bruckners Siebenter Symphonie bei den Salzburger Festspielen. Der Operndirigent Bernard Haitink erwachte spät und war vor allem in London und Paris tätig. Als Chefdirigent von Covent Garden kümmerte er sich nicht nur um das Kernrepertoire, sondern sorgte auch dafür, dass in Englands wichtigstem Opernhaus auch Novitäten uraufgeführt wurden.

Wagners "Ring des Nibelungen" erarbeitete er unter idealen Probenbedingungen auch mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Ebenfalls ein CD-Projekt, das beinahe in Wien hätte stattfinden können. Doch zerschlug sich das Projekt einer "Ring"-Einstudierung an der Wiener Staatsoper ebenso wie das - hinter den Kulissen zumindest diskutierte - Engagement Haitinks als Wiener Neujahrs-Dirigent.

An der Staatsoper hat Bernard Haitink nie dirigiert. Als Operndirigenten begegneten die Philharmoniker Haitink nur in Salzburg, und auch das spät in dessen Karriere. Im Mozartjahr 1991 debütierte der Dirigent mit einer viel beachteten Einstudierung von "Figaros Hochzeit" bei den Festspielen. Zwei Jahre später kehrte er mit der "Zauberflöte" zurück.

Konzerte leitete er seitdem in Salzburg am Pult seiner bevorzugten Orchester: Den Wienern folgten die Berliner Philharmoniker, die Dresdner Staatskapelle und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Und 2007 kam es im Festspielhaus sogar noch einmal zu einer Begegnung mit dem Concertgebouw Orchester. Auf dem Programm stand, wie denn auch anders, Bruckners Achte . . .

Am Donnerstag ist Haitink im Kreise seiner Familie in seinem Haus in London gestorben. Er wurde 92 Jahre alt.



↑DA CAPO