Ralph Kirkpatrick

1911-1984

Musik war zunächst das Hobby des Kunstgeschichte-Studenten aus Massachusetts, der nebenbei im Chor singt, einen Chor leitet und widmet einen nicht geringen Teil seiner Zeit der Einstudierung von Kompositionen zeitgenössischer Komponisten, vielfach von Kollegen aus dem College.

Das Faible für die zeitgenössische Musik blieb Ralph Kikpatrick erhalten auch in jener Zeit, als er weltweit bereits als einer der Vorkämpfer für eine historisch korrekte Aufführung barocker Musik gefeiert wird. Daß es dazu kommen konnte, verdankt sich dem Zufall: Auf der Universität fand der Harvard Student eines Tages ein neues, nach historischen Vorbildern gebautes Cembalo, Geschenk eines der Pioniere der Originalklangpraxis in den USA, der in der Klaviermanufaktur Chickerin in Boston tätig war. Kirkpatrick verliebt sich in das Instrument und widmet Stunden und Stunden dem Studium der Klangerzeugung auf diesem Cembalo. Im Mai 1930 gibt er für den Harvard Music Club das erste Recital auf dem Cembalo. Was ein exotisches Experiment zu sein scheint, wird die Geburtsstunde einer musikalischen Bewegung: Ralph Kirkpatrick, der Cembalist, ist geboren.

Im Rahmen eines Seminars wird er gebeten, Beispiele aus Bachs Goldbergvariationen auf dem Cembalo darzubieten. Es war, so vermutet er selbst in seinen Memoiren, das erste Mal, daß in den USA diese Musik auf einem solchen Instrument gespielt wurde. Nach einer Aufführung von Bachs d-Moll-Klavierkonzert ist die Universitätleitung überzeugt, dem jungen Mann eine weitere Vertiefung seiner einschlägigen Studien zu ermöglichen und finanziert ein zweijähriges Europa-Stipendium. Kirkpatrick geht nach Paris, um unter anderem bei Wanda Landowka Cembalo und Nadia Boulanger Theorie zu studieren. Forschungen in der »Bibliotheque Nationale« ergänzen seine Aktivitäten.

Vom rauschenden Cemablo-Stil seiner Lehrerin Landowska entfernte sich Kikpatrick recht bald grundlegend. Der Unterricht vermitelt ihm technische Fertigkeiten, aber sein Zugang zur Musik der Barock-Ära speist sich nicht zuletzt auch aus Vorbildern von pianistischen Interpretationen auf modernen Konzertflügeln: In Paris hört Kirkpatrick ein Bach-Recital Walter Giesekings, das er präzis beschreibt und an dem er vor allem die Klarheit und Schlichtkeit des Spiels hervorhebt - und es mit der Wirkung von Landowskas Cembalo-Stil vergleicht:
Sein Spiel wirkt fast immer vergeistigt, intellektuell und »kontemplativ«, weil er so gut wie nie starke phyische Rhythmen einsetzt. Er vermittelt in der Regel ein Gefühl der Bewegungslosigkeit, ganz im Gegensatz zu jenem Aufführungsstil, der den Hörer durch seinen physischen Rhythmus und seine Nähe zum Tanz mitreißt. Landowskas Spiel gehört zur letztgenannten, prinzipiell rhythmischen Artm aber ohne die Ruhe und das fließende Legato von Gieseking. Wie wundervoll wäre es, wenn man beide Stile beherrschen könnte.
Es gibt vielleicht keine schönere, konzisere Umschreibung für jene Art zu musizieren, die Ralph Kirkpatrick selbst sein Lebtag zu erreichen versuchte. Nach weiteren Studien bei Günther Ramin und Hein Ziessen gab der Cembalist sein erstes Recital in Deutschland: 1933 spielte er in Berlin die Goldberg-Variationen, in der Folge lud man ihn zu Konzerten - nicht zuletzt in kleinem Rahmen und auf dem CLavichord - in ganz Deutschland und Italien. Am Salzburger Mozarteum gab Kirkpatrick Sommerkurse. Zurück in Amerika, bat ihn Bruno Walter wiederholt für Passions-Aufführung ans Continuo-Cembalo. Eigene Festivals für Barockmusik folgten.

Nach dem zweiten Weltkrieg kehrte Kirkpatrick nach Europa zurück, um seine Studien in Sachen Domenico Scarlatti fortzusetzen. Eine musikwissenschaftlich bahnbrechende Biographie des Komponisten und ein bis heute unverzichtbares Werkeverzeichnis waren das Ergebnis.

Aufnahmen

Scarlatti galten auch etliche Schallplattenaufnahmen Kirkpatricks für Columbia und die Archiv Produktion der Deutschen Grammophon. Maßstabsetzend bleiben aber vor allem seine Aufnahme von Bachschen »Klavierwerke« für die DG, die im CD-Zeitalter wieder aufgelegt wurden. Kirkpatrick spielte diese Aufnahme sämtlich auf Nachbauten eines Neupert-Cembalos, das vermutlich in Bachs Besitz war, zweimanualig, mit einem Vier- und einem Achtfußregister im oberen, einem Acht- und einem Sechzehnfußregister im unteren Manual. Was spätere Generationen von Originalklang-Experten schon wegen der Nylon-Plektren für problematisch erachteten, erwies sich nicht zuletzt wegen der Robustheit der Instrumente und ihrer klanglichen Eigenschaften als ideal für die Aufnahmesitzungen. Die Einspielugen bleiben Dokumente einer entscheidenden Phase zwischen der Landnahme der Cembalo-interpretation durch die Generation der Landowska und dem eigentlichen Beginn der weltweiten Originalklang-Bewegung in den Sechzigerjahren, vollkommen überzeugend in ihrer stilistischen Folgerichtigkeit und Geschlossenheit.





         

↑DA CAPO