Charles-Marie Widor

(1845 - 19)

Die Toccata aus Charles-Marie Widors Orgelsymphonie Nr. V dürfte neben Bachs d-Moll-Toccata vermutlich das einzige Werk für dieses Instrument sein, das es zu wirklicher Popularität gebracht hat: Jeder kennt zumindest die ersten Takte, auch wenn er sich nie im Leben freiwillig Orgelmusik anhören würde.

Der Reihe nach: Charles-Marie Widor stammte aus Lyon, wo schon sein Vater in Saint-François-de-Sales als Organist tätig. Studiert hat Widor in Brüssel bei François-Joseph Fétis (Komposition) und Jacques-Nicolas Lemmens (Orgel). 1860 wurde er Nachfolger seines Vaters in Saint-François, wechselte aber Mitte der Sechzigerjahre nach Paris, um Assistent von Camille Saint-Saëns an der »Madeleine« zu werden. 1870 wurde Widor Stellvertreter Lefébure-Wélys an der berühmten Cavaillé-Coll-Orgel von Saint-Sulpice. Mit dem Namen dieses Instruments und dieser Kirche war der Widors in der Folge Jahrzehntelang eng verbunden, obwohl er offiziell nie Titularorganist von Saint-Sulpice wurde. Aus seiner Klasse am Conservatoire gingen ab 1905 bedeutende Musiker hervor, darunter Louis Vierne, Albert Schweitzer und Marcel Dupré, Arthur Honegger, Edgar Varèse oder Darius Milhaud.

Für die Kunst des Orgelspiels markierte Widor eine Wende. Erstmals förderte ein Lehrer das konsequente Studium der einschlägigen Werke Johann Sebastian Bachs. Anders als sein Vorgänger Lefébure nutzte Widor das prachvolle Rieseninstrument Cavaillé-Colls nicht nur zur Demonstration staunenerregender klanglicher Effekte, sondern nutze sämtliche Register und ihre Kombinationen, um heikle kontrapunktische Strukturen zu verdeutlichen. Damit revolutionierte er den Orgelstil. Als Gast - oft zur Einweihung neuer Instrumente - war Widor in Notre-Dame de Paris, Saint-Germain-des-Prés, Saint-Ouen de Rouen, im Palais du Trocadéro, aber auch in Lyon bis in sein 90. Lebensjahr aktiv. Am 31. Dezember 1933 gab er sein offizielle letztes Konzert an der Orgel von Saint-Sulpice.

Der »Orgelsymphoniker«

Widor ist der eigentlich Erfinder der Gattung »Orgelsymphonie«. Jedenfalls hat er mit seinen mehrsätzigen Werken dieses Genre entscheidend geprägt, anknüpfend an die deutsche symphonische Tradition, die er mit einer romantischen Aneignung der französischen Suiten-Folge zu etwas ganz Eigenständigem amalgamierte. Die ersten vier dieser »Symphonien« (als op. 13 veröffentlicht) muten noch klassizistisch an, die mittleren (Nr. 5 - 8, op. 42) bringen - mit der berühmten Toccata als Höhepunkt - romantisch-farbige Prachtentfaltung, das Spätwerk orientiert sich an kargeren, oft von der Gregorianik inspirieren Klängen. Die beiden letzten Symphonien, »Gothique« (op 70) und »Romane« (op. 73), spiegeln vielleicht am besten Widors Hoffnung, in seinem Spiel möge sich »eine Ahnung der Ewigkeit« finden.

Handwerkliche Virtuosität

Wobei die Virtuosität des Komponisten im Umgang mit Vorlagen wie dem gregorianischen Haec Dies, das drei der vier Sätze der Zehnten, der Symphonie Romane (op. 73) dominiert, bewundernswert ist: Auf Grundlage der simplen Melodien entsteht ein aus zarten Arabesken unerwartet dramatisch entwickelter erster Satz, ein effektvoller F-Dur-Choral und ein überschwengliches Finale, während im Zentrum des Werks eine wunderbar entrückte Cantilène steht, die auf dem Osterchoral Victimae paschali laudes fußt.

So setzt das Spätwerk den Schwerpunkt auf das kompositorische Handwerk, während mit den beiden effektvollen Symphonien op. 42 ein Höchstmaß an spieltechnischem Raffinement gefordert ist, Doppelpedal und das Spiel einer Hand auf zwei Klaviaturen inbegriffen. Dennoch meinen Organisten, die Aussage, Widors Werke seien nur auf den unnatürlich »hochgerüsteten« Instrumenten Cavaillé-Colls überhaupt realisierbar, sei ei Gerücht. Tatsächlich hat Widor selbst seine Musik auch auf weitaus »bescheideneren«, klanglich vollkommen anders orientierten Instrumenten im deutschen Sprachraum musiziert.

Organisten stehen angesichts der Überlieferung von Widors farbenprächtigen und formal originellen Werke vor dem Problem, daß es von den meistern großen Stücken verschiedene Fassungen gibt, man sich also für eine Version entscheiden muß. Erschwert wird das dadurch, daß (oft weitreichende) persönliche Eintragungen des Komponisten in seinen Handexemplaren nicht in die Druck-Ausgaben aufgenommen wurden.

Zur Demonstration der Virtuosität eines Interpreten, aber auch der Klangmächtigkeit und -vielfalt eines Instruments taugen diese Werke jedenfalls ebenso wie zur Einführung skeptischer Musikfreunden in die reiche Welt der Orgelmusik.

Aufnahmen

Christian von Blohn (Speyer) hat für Naxos sämtliche Orgelsymphonien Widors eingespielt, eine abwechslungsreiche, spannende Eroberungsreise im Reich der Klänge.

Jenseits der Orgel

Doch Widor, als Lehrer höchst einflußreich, komponierte nicht nur für sein Instrument. Der Œuvre-Katalog umfaßt Opern und Ballettmusiken, Symphonik, Kammermusik. Wie Richard Strauss hat auch Widor die Instrumentationslehre von Hector Berlioz neu herausgegeben und um wichtige Kapitel bereichert.

Emmanuel Pahud hat Widors poetische Suite für Flöte und Klavier op. 34 mit Stücken von Richard Strauss und César Franck kombiniert, neben denen sie mühelos bestehen kann.

Das Neue Budapester Quartett kombinierte für das Repertoire-Pionier-Label Marco Polo Widors Klavierquintett op. 7 mit dem Klaviertrio op. 19. Musik, die sich auf den charmant-unterhaltenden, unverwechselbar französischen Tonfall (etwa im duftigen Scherzo von op. 7) ebenso versteht wie auf blühende, harmonisch oft apart abschweifende Romantik.

↑DA CAPO