Der Dämon

Anton Rubinstein nach Lermontow


Uraufführung: 1875, St. Petersburg

Produktion der Bregenzer Festspiele (ORF)



PERSONEN DER HANDLUNG


Rubinsteins Werk war einst eine Lieblingsoper Gustav Mahlers.

Es gibt Meisterwerke -- und Meisterwerke.

Die einen sind so beschaffen, daß selbst mittelmäßige Aufführungen nicht an ihnen zu rütteln vermögen.

Die anderen sind fragiler und vertragen nicht den Zugriff mäßig talentierter Interpretenhände. Zu diesen zählt Anton Rubinsteins Dämon, ein Werk, das höchst erfolgreich war, solange ein Gustav Mahler es dirigierte, solange Titelhelden vom Schlage Tita Ruffos oder Fedor Schaljapin verfügbar waren.

Seit damals aber ist der Dämon von den internationalen Bühnen verschwunden.

Den Bregenzer Festspielen geglücktes Anno 1997, der Rarität lauten Premierenapplaus zu sichern, weil vor allem in musikalischer Hinsicht hochkarätige Voraussetzungen geschaffen wurden.

Da sangen Egils Silins den Titelhelden und Marina Mescheriakova dessen Opfer Tamara: Diese Tamara, ein junger, zunächst unschuldig kichernder und glucksender Backfisch, verstrickt sich im Zuge der Handlung mehr und mehr in jene Phantastereien, die ihm der gefallene Engel mit in die Baritonlage transponierten Sirenentönen suggeriert: An der Seite des Dämons, eines russischen Verwandten des »fliegenden Holländers«, winkt die faszinierende Welt des Unbewußten, jenseits der festen Satzungen für Sitte und Anstand eines Fürstenkindes.

Das Mädchen errettet sich vor ewiger Verdammung durch den Versuch, den Bösen, der ihren Geliebten getötet hat, zu Gott heimzuholen. Erlösung findet jedoch - vom Geist des Toten Freundes geleitet - nur sie selbst.
Der Dämon wird weiter sein Unwesen treiben.

Die Musik

Die Musik Anton Rubinsteins zu dieser Handlung (frei nach Lermontow) spiegelt mit den Mitteln der russischen Spätromantik Sehnsüchte und seelische Irritationen. Und gerade weil die Antwort auf die Frage, ob man dem Teufel zu widersagen bereit ist,  nicht eindeutig ausfällt, kann Der Dämon bis heute ehrlich und fesselnd wirken.

Anläßlich der Bregenzer Premiere bewiesen die Chöre und die Wiener Symphoniker unter Wladimir Fedosejews Leitung, warum einst Gustav Mahler von dieser Partitur fasziniert war. Da webt und raunt es drohend, flirrender Glanz umschwebt die verführerischen Worte des Dämons, unausweichlich läßt die Sogwirkung der Klänge fühlen, wie das Mädchen in den Bann des Bösen gezogen wird.

Das Seelendrama führt uns nach zögerlichem Beginn an atemberaubende Abgründe. Für Atempausen sorgt schmückendes Rankwerk, quirlige Tänze, gehauchte Abendstimmungen, erbarmungsloser Schlachtenlärm.

Rubinsteins Gratwanderung zwischen russischer Folklore und deutscher Hochromantik verfehlt ihre Wirkung nicht.



Technisch weit dem Bregenzer Livemitschnitt unterlegen, läßt die alte Melodia-Mono-Aufnahme dem Hörer doch die Schauer über den Rücken laufen: Gesungen und gespielt wird mit enormer Expressivität und unter stetem Hochdruck. Hörenswert neben dem Titelhelden Alexei Ivanov nicht zuletzt der Bräutigam Tamaras: Ivan Koslowsky.

Interessant auch die italienischsprachige Aufnahme einer RAI-Produktion aus Mailand mit dem großen italienischen Baß Nicola Rossi-Lemeni aus der Spätphase von dessen Karriere: 1971 hatte er viel von seiner stimmlichen Geschmeidigkeit eingebüßt, aber nichts von seiner legendären Gestaltungskunst, seinem »szenischen Singen« verloren.



↑DA CAPO