Warum spielen wir Mefistofele?

Ein Gespräch mit Riccardo Muti (1997)

Der Maestro über das Meisterwerk eines Komponisten, der als entschiedener Gegner Verdis begann, aber vom Saulus zum Paulus wurde.

"Mefistofele", sehr frei "nach Goethe", ist die Veroperung des "Faust"-Stoffes durch einen 26jährigen Stürmer und Dränger, der Italiens Musikfreunde zuvor durch heftige Attacken gegen Verdi in Aufruhr versetzt hatte. Nicht zuletzt wegen dieser Angriffe kam es bei der vom Komponisten selbst geleiteten Erstaufführung des "Mefistofele" an der Mailänder Scala zu Proteststürmen. Riccardo Muti dazu: "Es stimmt, daß Boito als junger Mann ein Pamphlet verfaßt hat, in dem der Name Verdi zwar nicht vorkam, bei dessen Lektüre jedoch jedermann sofort wußte, wer gemeint war. Boito schrieb, er hoffe, daß ein Komponist zur Welt käme, der den beschmutzten Altar der Kunst wieder reinigen werde. Dieser Komponist wollte er natürlich selbst sein."

Von Berlioz bis Strawinsky

Tatsächlich hat "Mefistofele" mit Verdi nicht viel zu tun. Muti sieht in der kühnen Partitur viel eher ein Bindeglied zwischen der Romantik und der Moderne: "Boito baut eine Brücke von Berlioz zu Strawinsky. Sie werden in diesem Werk immer wieder Klänge hören, die an harmonische und instrumentationstechnische Finessen späterer Generationen erinnern. Er nimmt den Impressionismus, aber auch die kühlen Klänge der Moderne vorweg. Zum Beispiel die Auftrittsmusik Mephistos: Das ist mit Fagotten und Piccoloflöte gesetzt, als stünde es in Petruschka!"

"Es stimmt zwar, daß Boito, nachdem er sich mit Verdi versöhnt hatte, die Libretti für dessen grandiose Spätwerke ,Otello' und ,Falstaff' verfaßt hat. Er war dann sogar so etwas wie die Triebfeder für das Schaffen des alten Verdi. Aber der Text zu ,Mefistofele' ist dramaturgisch nicht so richtungsweisend. Die Musik ist jedoch phänomenal. Und sie hat, so paradox das klingt, sogar den späten Verdi beeinflußt. Hören Sie die Kontrabässe am Beginn des dritten Aktes, in Gretchens Kerker: Das ist die Wurzel zu dem berühmten Kontrabaßsolo vor Otellos letztem Auftritt!"

Begeisterung wird in der Stimme des Dirigenten spürbar: "In Italien ist ,Mefistofele' für die Musikfreunde eine Herzensangelegenheit. Man hat nicht von ungefähr den Prolog als Finale der Gala anläßlich der Wiedereröffnung der Mailänder Scala nach dem Krieg aufgeführt. Sonst in der Welt kennen Opernfreunde nur einige wenige Arien daraus."

"Marcel Prawy hat mir erzählt, daß die letzte Aufführung in Wien - die einzige in diesem Jahrhundert - vor vielen Jahrzehnten an der Volksoper stattgefunden hat. Und zwar deshalb, weil Miguel Fleta den Faust singen wollte. Also, das war eigentlich ,Faust' und nicht ,Mefistofele', obwohl es natürlich wunderbar ist, für einen Tenor wie Fleta eine Oper zu spielen."

Der Faust in jedem Mensch

"Nun kommt das Stück zum erstenmal in italienischer Sprache an die Wiener Staatsoper. Ich glaube, das ist wichtig. Es ist eine ganz spezielle Auseinandersetzung mit dem ,Faust'-Stoff. Man hat Boito vorgeworfen, daß er sich zu weit von Goethe entfernt hat. Aber das ist ungerecht. Denn es ist eben sein ,Faust'. Irgendwie trägt ja jeder Mensch seinen Faust in sich. Wichtig an dem Werk ist auch, daß es für das Verständnis der Zeit Boitos aufschlußreich sein kann. Allein die Tatsache, daß er Mephisto fast als Karikatur anlegt - denken Sie an die Strawinsky-Vorahnungen! -, daß er ihn also nicht zu ernst nimmt, nicht zu sehr dämonisiert, ist typisch für den Stil dieser Zeit. Auch das Göttliche erscheint nicht erhaben, sondern fast übertrieben aufgeblasen, fast zu überhöht. Genau betrachtet, hört man daraus das Protestpotential der revolutionären Zeit, die mit alten Werten aufräumen wollte."



↑DA CAPO

→ SINKOTHEK