Nocturnes für Klavier

Gabriel Faurés musikalische Lebensreise, beleuchtet anhand einer bemerkenswerten Werkreihe.

Die 13 Nocturnes für Klavier, die Gabriel Fauré (1845 - 1924) komponiert hat, führen uns von früher, verträumt-romantischer Pianistik in subjektive, oft depressive Regionen, beschwören Klänge, die querstehen zu dem Bild, das sich die Musikwelt von diesem Komponisten gemacht hat: Faurés Image als eines parfümiert-dekadenten Meisters der Pariser Salons könnte falscher nicht sein.
Das läßt sich gerade an der vermeintlichen Salonmusik-Gattung der Nocturnes beweisen, von denen etliche ihrem »nächtlichen« Namen alle Ehre machen. Fauré lebt hier vor allem harmonischen Abenteuer aus, die ihn oft in weite Fernen abschweifen lassen.

Komponierte Weltflucht

Gewiß begann Fauré als echter Romantiker, lebte in einer Welt des schönen Scheins, der Maskenspiele und heimlichen Verstellungen, wie sie auch Schumann uns seine Generation so liebten. Die biedermeierliche Weltflucht eines introvertieren Menschen, den die Zeitgenossen als höchst attraktiven jungen Mann beschrieben:
an und um ihn herum war alles verführerisch...
hieß es. Schicksalsschläge haben diesen vielversprechenden Mann später gezeichnet. Seine Ehe war bald zerrüttet. Vom Tod seines Vaters traumatisiert, mußte Fauré erkennen, daß er nach und nach ertaubte. Er empfand es als respektlos, wenn man seinen Namen wegen seiner Krankheit in einem Atemzug mit Beethoven nannte.

Alfred Cortots Ambivalenz

Den Charakter seiner Musik freilich verglichen Kommentatoren gern mit Mozart und Chopin. Debussy nannte ihn einen Meister sinnlicher Reize. Von allen Interpreten hat Alfred Cortot die poetischsten Worte für die Musik des Franzosen gefunden, wenn er etwa über das dritte der Impromptus meinte, es klänge
wie eine Allee von Fächern, die sich nach und nach entfalten...
Und doch war Fauré auch von Cortot enttäuscht: Der berühmte Pianist, der so überschwenglich über seine Musik urteilte, hat wenig von Fauré aufgeführt, nicht einmal das, was der Komponist ihm ausdrücklich zueignete.

Symptomatisch auch das.

Der Pianist Paul Crossley hat für seine Fauré-Aufnahmen Gemälde von Caspar David Friedrich als Coverabbildungen gewählt - das paßt gut zur Stimmung der Musik, die unter der scheinbar harmlosen Oberfläche schwebender Klänge ihre Geheimnisse hat, die genaues Hören in unergründliche Tiefen führt; auf der Suche nach der sprichwörtlichen Blauen Blume.

Wilhelm Kempffs Solitär

Wie kein Zweiter hat ausgerechnet ein deutscher Pianist die schwierige Balance zwischen der von Fauré selbst geforderten Klarheit, der Gradlinigkeit des Spiels gegenüber dem offenkundigen romatisch-emotionalen Ton der Musik gefunden: Kempff hat lediglich das Des-Dur-Nocturne (Nr. VI) aufgenommen, das aber auf einzigartige Weise: Die Duftigkeit und Leichtigkeit, die Kempffs Anschlagkultur vermittelt, läßt die Klänge schweben, ihre harmonisch oft rätselhaft verträumten Pfade finden, oft improvisatorisch ausufernd, zuletzt aber doch auf rätselhafte Weise wieder heimfindend.

Über allem liegt auch in dieser Darstellung jene unnennbare Melancholie, die Faurés Vertonung von Théophile Gautiers Tristesse besingt
Hélas! j'ai dans le cœur
Une tristesse affreuse!
Und doch darf nicht überhört werden, daß der Zyklus der Nocturnes in ein Final-Triptychon (XI - XIII) mündet, das sich mit großer innerer Stärke dem nächtlichen Todestrieb entgegenzustellen scheint -- ein Zug zum Positiven, den der Interpret spürbar machen müßte.

Germaine Thyssens-Valentin

Den rechten Ton, die subtil verschleierten Botschaften dieser Musik sozusagen zwischen den Zeilen hörbar zu machen, traf die fast vergessene Pianistin Germaine Thyssens-Valentin, deren erste der beiden Nocturne-Zyklen (von 1956) in einem exzellenten Transfer von Testament auf CD zugänglich gemacht wurden. Ihr klangsinnliches, auf klare Durchleuchtung des Stimmengeflechts bedachtes Spiel hat Magie und ist beredt genug, in der marmornen Schönheit der Musik doch auch biographisch-subjektive Botschaften hörbar zu machen.

Wunderbar die Gestaltung etwa des zweiten Nocturnes, das beginnt wie eine unbedacht hingeworfene Skizze, aus dem Nichts geboren - und mit einem Mal hat die Musik doch ihre Richtung gefunden; wir sind mit der Pianistin auf eine Reise gegangen und können schon gar nicht mehr zurückfinden zum Ausgangspunkt. Immer neue Bilder dringen auf uns ein und lösen sich zuletzt spiererisch wieder in Luft auf . . . Jean-Philippe Collard, der das gesamte Klavierwerk Faurés für EMI/HMV eingespielt hat, musiziert sehr viel distanzierter, fein differenziert im Klang, bleibt auch bei den kräftigeren, harmonisch kargen späten Nocturnes behutsam. Da betont Paul Crossley, ein Pionier französischer Klavier-Literatur, die aggressivere Note etwa der so scheinbar spielerisch beginngenden Nr. XII (Es-Dur), die unter seinen Händen aufbegehrende Züge annimmt.

↑DA CAPO